RikeErik | Contact

Das war wie bei den Alchemisten. Es hätte genau so gut auch ordentlich knallen können.

DSCN5344cRike Casper und Erik Matheisen haben sich — wortwörtlich — gesucht und gefunden. Die Chemie schien auf Anhieb zu stimmen. Herausgekommen ist ein Album voller Frische, Emotionen, sogar Erinnerungen, und vor allem schönen Melodien, Rhythmen und Wendungen. Contact hat mich nach den ersten Sekunden sehr berührt. Ich habe mich in dem Album gleich wohl gefühlt, habe die unterschiedlichen — und stilistisch weit gefächerten — Stücke aufgesogen, wie lange vermisste Bekannte.

Aus der Musik von RikeErik blitzt hinter jeder Phrase, jeder Wendung, jedem neu auftauchenden Sound, die Reife und Gelassenheit zweier Menschen hervor, die viel musikalische Erfahrung mitbringen. Das Ergebnis ist, wie ich meine, eine kleine akustische Perle. Und sie lädt mich immer wieder augenzwinkernd zu einem Rendevouz für einen Abend ein. Und da war ich natürlich sehr glücklich, als sich die Möglichkeit zu einem Interview mit den Beiden bot.

Ich führte dieses Interview mit Rike Casper und Erik Matheisen am Tag der Schallwelle Preisverleihung Ende Februar 2016 in Bochum. Im Foyer war viel los. Rike kümmerte sich zudem um die geladenen Gäste, und trotzdem fanden wir die Zeit um über das Debüt-Album der beiden zu sprechen.

 

Flächenklang: Rike, du hattest mir eine E-Mail gesendet, und als ich die erste Zeile gelesen hatte dachte ich, oh, das ist aber eine komische Form von Spam. Gibt es das wirklich, dass jemand Flächenklang als seine Startseite im Browser einrichtet?

Rike (lacht): Ja, ich. Ich war auf der Suche nach einem Online-Musik-Magazin oder –Portal, und da habe ich die Seite gefunden, und mir angeschaut. Und ich finde sie sehr gut gemacht, dann habe ich neugierig geklickt, was da für Musik vorgestellt wird, und das fand ich total klasse. Ich habe mir vieles der Musik angehört und dann gedacht, das isses, und da ich noch nicht den Überblick hatte was es überhaupt gibt, habe ich sie gleich als Startseite eingerichtet, damit ich immer informiert bin was es so gibt.

Flächenklang: Das freut mich. Beinharte Fans finde ich total klasse. Auch wenn ich manchmal unglücklich darüber bin, wenn es nur wenige Artikel in der Woche gibt.

Erik: Es gilt ja Masse statt Klasse. Es bringt ja nichts ganz viel zu schreiben, wenn Du dann nicht dahinter stehst. Das muss zu Dir passen. Wenn ich weiß, das wer zu mir passt, gucke ich da immer rein. Es ist besser, wenn Du zu dem stehst was du schreibst, dann weiß ich als Leser was mich erwartet. Und die Leser werden es danken.

Flächenklang: Das tun sie tatsächlich. Und ich bin da auch sehr dankbar für. Aber zu euch. Erik, von Dir habe ich schon was gehört. Aber von Dir, Rike noch nicht. Ist Contact das erste Album mit Dir?

Rike: Also, das ist das Erste seit … tja, hmm; Letzens habe ich mal 30 Jahre gesagt, aber das ist ein wenig übertrieben. Ich habe sehr lange nichts gemacht. Ich habe schon früher in elektronischen Bands gespielt, in den 80ern. Und dann ein paar andere Sachen gemacht. Und vor vier Jahren habe ich dann wieder angefangen. In so fern gibt es diese MP3s auf meiner Seite. Und jetzt diese CD. Es gibt sonst nur Schallplatten von früher.

Flächenklang: Und ist da irgendwas dabei das ich kennen müsste?

Erik: Lila? Die Gruppe Lila? Es gibt da dieses wunderbare Album Amethyst, zusammen mit Herman Lipinski.

Rike (auf mich zeigend): Er ist zu jung!

Flächenklang: Hey, ich bin schon 52! Also so jung nun auch wieder nicht.

Erik: Dann bist du hier der Jüngste. Aber so ist der Kontakt zu Rike entstanden. Mein Musikerkollege, der Tilo Voigthaus, ist großer Lila-Fan gewesen. Er verbindet mit der Schallplatte emotional sehr viel. Das war die Zeit wo er seine Frau kennen gelernt hat. Und dann hat er später mal im Internet nach Lila gesucht — gibt’s die Rike noch? Und da hat er gemerkt, dass sie ganz in der Nähe wohnt. Und dann hat Thilo sie besucht, und dann ist der Kontakt entstanden, und Thilo hat zu mir gesagt: Ich habe Rike Casper kennengelernt. Der war total begeistert. Und dann sind wir mal zusammen hingefahren, und so ist dann auch die Kooperation entstanden.

RiekeErik T-ShirtRiekeErik Live

 

 

 

 

 

 

Flächenklang: Was ich von euch gehört habe, das klingt irgendwie … frisch, es prickelt, sehr lebendig. Ist das dein Stil, Erik, oder deiner Rike?

Rike: Mal so, mal so. Es sind Kompositionen von Erik dabei, und auch welche von mir. Beides haben wir dann ergänzt durch den anderen.

Erik: das zu Grunde liegende Stück ist entweder von mir oder von Rike, und wir ergänzen uns dann. Unsere Stile sind schon anders, aber wir ergänzen uns halt sehr. Es gibt Sachen, da kommt Rike drauf, aber ich nicht, und umgekehrt. Aber die Ideen gefallen uns gegenseitig. Sie inspirieren. Jeder hat halt so seine eigenen Erfahrungen im musikalischen Bereich, und es ist halt schwer da immer raus zu kommen. Ich mag halt die Anregungen von Rike. Da entsteht einfach viel mehr.

Flächenklang: Wie entstehen dann eure Stücke? Trefft ihr euch und jammt miteinander, oder kommt der eine zum anderen und sagt, guck mal, ich habe da was gemacht?

Rike: Letzteres. Also, wenn wir zusammen sind, dann probieren wir natürlich auch einfach was aus. Aber häufig ist es so, dass es eine Idee gibt, und dann treffen wir uns, und dann wird so ein paar Stunden an der Idee gearbeitet. Dann nimmt jeder wieder ein Arbeitspaket mit, und arbeitet für sich weiter. Und dann treffen wir uns wieder. Das ist schon ein längerer Prozess.

Erik: Natürlich schicken wir uns auch mal eine MP3 zu und fragen uns, was hältst du denn davon?

Rike: Wir wohnen so eine Stunde auseinander.

Erik: Es ist halt nicht so einfach sich so ganz schnell zu treffen, und da ist so ein Austausch von MP3 per E-Mail ganz gut. Auf der anderen Seite ist es nah genug, dass wir uns regelmäßig treffen. Wenn wir zusammensitzen, dann passiert eigentlich ganz viel. Dann bekommen die Stücke ihren finalen Schliff.

Flächenklang: Apropos Schliff. Einer von euch übernimmt wahrscheinlich das Mixing und Mastering, oder?

Erik: Ja, das mache ich …

Flächenklang … oh, schade. Ich dachte hier könnten wir mal die übliche Gender-Rollenverteilung aufbrechen.

Erik: Ja, das war auch mit Thilo zusammen immer meine Rolle. Ich habe halt alle notwendigen Sachen dafür zuhause. Das ist aber auch ein längerer Prozess zuhause. Da wird viel an der fertigen Komposition herausgeholt, und da höre ich tief in mich hinein, drehe hier und dort. Bis es passt. Das sende ich dann an Rike, und die gibt dann noch Verbesserungsvorschläge. Hier etwas mehr Höhen, dort etwas weniger Raum. Das ist halt auch ein sehr kreativer Prozess.

Rike: Ich habe dafür das Cover gestaltet.

Erike: Ja, Layout kann ich gar nicht. Das kann Rike viel besser.

Contact Cover1

Flächenklang Ich habe mich gefragt, ob das Cover ein Foto ist, oder gemalt.

Rike: das Foto ist nicht von mir, aber ich durfte es nutzen. Es sind Wellen. Wir haben uns entschieden von den vielen Bildern das hier zu nehmen, weil es so eine Konzentration auf das Wesentliche ist. Es ist ein ganz ruhiges Bild, das dennoch Bewegung enthält, also Wellen. Und dann noch der Name Contact, das passt eigentlich ganz gut zu unserer Musik.

Flächenklang: Worum geht es in euren Stücken?

Rike (nach einer Pause): … auf jeden Fall schon mal um Emotionen. Das ist ja eigentlich die Haupttriebfeder dabei. Häufig entsteht ein Musikstück durch ein Bild im Kopf, oder durch ein Gefühl. So komponiere ich. Ich bekomme auch schon mal Ideen von Erik. Aber wenn ich komponiere, dann meistens mit einem Bild im Kopf. Oder ein Gefühl. Und dann fange ich an mit Harmonien zu arbeiten. Aus den Harmonien entsteht eine Struktur, und so wird dann weiter gearbeitet.

Erik: Das ist bei mir ähnlich. Es passiert eine Menge in meinem Kopf was zu verarbeiten ist. Und das braucht ein Medium um sich auszudrücken. Und ein perfektes Medium ist einfach sch an die Tastatur zu setzen, und wirklich völlig frei drauf los spiele. Meist auf dem Klavier. Und ich denke überhaupt nicht darüber nach. Die Gedanken wollen einfach raus, und die finden in Musik einen Weg dazu. Musik kann einfach viel mehr ausdrücken als Worte. Es ist ein natürliches Bedürfnis. Ich kann gar nicht anders. Gefühle wollen bei mir einfach einen Ausdruck haben.

Rike: Hast Du ihn [Erik] mal live erlebt? In den Pausen hat er sich oft hingesetzt, und einfach drauf los gespielt, weil das gerade die Stimmung war. Wie ein Ausbruch, sehr lebendig. Was ich noch ganz spannend finde ist — und ich hoffe das hört man in dem einen oder anderen Stück — das sind Dissonanzen. Es gibt sehr schöne Harmonien, aber durch Geräusche, oder durch eine bestimmte Art Rhythmus oder eine andere Harmoniefolge, werden Störungen hereingebracht. Oder es gibt das Stück Daydream, also Tagtraum, das ist nicht nur schön. Auf ein mal passiert plötzlich was. Da nimmt das Stück eine andere Richtung. Es wird gestört. Das erleben manche auch so. Und sie fragen mich, habe ich das extra reingebracht. Ich finde das sehr spannend, etwas nicht zu schön werden zu lassen.

Flächenklang: Ihr habt auch etwas mit Sprache gemacht.

Rike: Es gibt auf Freesound ein Sample, da sprechen drei Priester. Ich finde das total unheimlich. Und es gab in einem Stück eine schöne Harmoniefolge. Da dachte ich, das machst du jetzt kaputt. Und das gibt gleich eine düstere Stimmung, weil die ganz leise reden. Also mit so was experimentiere ich auch gerne.

Erik: Vieles ist spontan. Wir finden da ein paar Anregungen, und wenn es passt, dann bleibt das einfach drin. Wir sind da ja auch völlig frei. Wenn es eine Bereicherung darstellt, dann gehört das da rein. So soll das sein.

Flächenklang: Wie viele Stücke habt ihr nicht mit auf die CD gepackt?

Rike: Also ich denke mal, das sind bestimmt zehn Stücke.

Flächenklang: Das heißt, es wird in naher Zukunft auch was Neues geben?

Rike: Ja. Und wir haben auch schon wieder neue Ideen. Manchmal sprudelt es.

Erik: Manchmal passiert ganz viel in kurzer Zeit, und dann gibt es wieder Pausen. Und die Pausen sind ganz gut um die Ideen etwas auszuarbeiten, und den Fokus auf was anderes zu setzen. Ich habe mal so Phasen wo, viel Neues entsteht. Und dann wieder, wo die Stücke mehr Struktur annehmen. Das ist nicht vorhersehbar.

Flächenklang: Werdet ihr das live bringen können?

Erik: Wir haben das ja schon mal live gebracht. Im November im Raumzeit-Festival. Und im Juni spielen wir auf der Gartenparty in Hamm. Schauen wir mal. Und in einer Kirche …

Rike: Bei uns im Ort ist eine schöne alte Kirche, und ich habe einfach mal den Kantor angesprochen, weil … ich finde das super cool in einer Kirche, mit dem Hall und der Akustik. Und das wird wohl gehen. Da haben wir aber noch keinen Termin.

Flächenklang: Ist das jetzt das erste Album, das ihr zusammen gemacht habt? Das ist jetzt Premiere?

Rieke, Erik (gleichzeitig) Ja.

Flächenklang: Und das ist jetzt auch das erste Album nach Deiner Pause. War das geplant, oder hat sich das ergeben?

Rike: Das hat sich so ergeben. Da ist so viel Dynamik drin. Ich habe mehrere musikalische Projekte, da ist insgesamt eine solche Dynamik gewesen, dass ich zu Erik sagte, wir müssen davon unbedingt auch etwas auf CD bringen. Damit wir auch damit weiterarbeiten können. Schon auch aus Promotionszwecken, weil wir ja beide gerne auftreten wollen. Das macht ja auch einen Heidenspass. Das hätte ich gar nicht gedacht. Ich wusste das zwar noch von früher — ich habe früher in einer Rockband gespielt und bin auch viel aufgetreten — aber ich hatte das nicht mehr auf dem Schirm. Ich bin ja auch schon in die Jahre gekommen, und dachte, nee, das brauchst Du nicht. Aber so mit anderen Musikern zusammen performen auf der Bühne, das macht totalen Spaß. Auch jetzt mit Erik. Und da hat es mich wieder total gepackt. Da wollen wir mit das Jahr füllen.

Flächenklang: Ich danke euch beiden für dieses Gespräch.

Am 2. Juli werden Rike und Erik in Hamm auf der Gartenparty des Electronic Circus Als Schluss-Act live zu hören sein. Ein Event, das nicht nur wegen der Beiden quasi — und überhaupt — eines der Top-Events des Jahres ist.

Vielleicht sehen wir uns ja in Hamm. Ich werde jedenfalls da sein …

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Erik Matheisen (CoralCave) im Internet und auf Facebook
Winnies Gartenparty in Hamm. Infos auf Facebook und im Internet

Das Interview führte Thomas Götze

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