Jean-Michel Jarres Kollaborationen — Ausverkauf im Elektroland.

Im Frühling 2014 machten mich die Gerüchte nervös, Jean-Michel Jarre solle an einem neuen Album arbeiten. Aber es kam anders.

JMJ2015Ich versuchte Näheres zu erfahren, aber das Beste, was ich rausbekommen konnte, war: „Warte bis August. Dann kann ich mehr sagen. Aber da kommt was.“ Aufregende Zeiten, dachte ich. Es dauerte dann aber doch noch was länger, und auf ein mal kamen die ersten offiziellen Ankündigungen. Gesaffelstein, M83, Massive Attack und sogar Tangerine Dream waren als Partner des Franzosen im Gespräch. OK, dachte ich, das ist jetzt eher Tutti Frutti als Jean-Michel Jarre, aber woll’n mal sehen. Aber dann kamen noch mehr Namen in’s Spiel. Armin van Buuren, Vince Clark, und hier und da und dort, und heute John Carpenter. Und jetzt reicht es mir. Das ist kein Jean-Michel-Jarre-Album, das ist ein Kessel Buntes. Das ist die moderne K-Tel-„Nicht Fisch, noch Fleisch“-Elektronik-Platte. Ein Durcheinander der Gewürze. Und immer offensichtlicher das große Reste-F*cken in der Szene. (Ich rege mich zu sehr auf. Ich muss das sein lassen.)

Ich habe nichts gegen Kollaborationen. Im Gegenteil, ich mag sie sogar sehr. Oft entstehen durch Kollaborationen zweier Musiker großartige Dinge, die nicht wiederholbar sind. Aber, zwei nur noch (oder erst) halb-bekannte Musiker machen keinen ganzen. Dabei fällt mir auf, dass hier ein deutlich gesunkener Stern (JMJ) sich mit anderen zusammentut, die durchaus noch (oder zunehmend) Reputation haben aber selber nicht mehr, bzw. kaum noch aktiv in Erscheinung treten. John Carpenter zum Beispiel. Heute erst verkündet.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=iPUcfe25rW4]

 

John Carpenter hat Musikgeschichte geschrieben. JMJ hat das auch mal gemacht. Und vor etwa 20 Jahren (anderen Stimmen zufolge schon vor 30) seinen eigenen Ruhm in nicht enden wollenden da capos versenkt. War das erste Album noch stark, und das zweite und dritte gute Nachfolger, wurde irgendwann (für mich war das nach Zoolook) nur noch ein Gericht auf der Speisekarte serviert, und das auch noch zunehmend laff und fad.

Revolution oder Rendes-Vous waren für mich eher Drittaufgüsse eines ehemals starken Heißgetränks. Chronologie war ein angenehmer, aber nicht sonderlich erfrischender Ausreißer. Mit Metamorphose hat er sich auf ein Terrain gewagt, das er nicht gut kannte, aber durchaus angemessen präsentierte. Da hätte was draus werden können. Aber dann kam irgendwann Téo & Téa. Und das war nur noch peinlich.

Jean-Michel Jarre und Armin van Buuren auf der Bühne, äh … nee, doch nicht.

Und anstatt sich auf den Hosenboden zu setzen und seinen Stil wieder zu finden, ihn zu erweitern, den lange erwarteten Nachschlag zu liefern, versammelt er um sich herum vermeintliche Leidensgenossen — und ja, Edgar Froese passt da auch gut rein — zusammen mit etwas frischem Blut, und bringt seine ewig gleichen Sounds und Harmonien zu verschiedenen anderen Schneidern, und lässt daraus immer wieder neue Kleider nähen, die dann eben nicht wie die Sammlung seiner größten Pleiten klingen, sondern, nun äh … ein wenig anders.

JMJ Brathe OxygeneAlles das riecht — nein stinkt nach einer reinen Marketingaktion. Nach Ausverkauf. Entstanden am großen ovalen Nußbaum-Konferenztisch in der obersten Etage eines Plattenlabels. Enstschieden von Menschen die Umsatz wollen, und dazu die alten Elefanten noch mal in die Arena zerren, bevor sie ihr Futter nicht mehr wert sind. Und allen voran Herr Jarre, der zur Hochzeit in Monaco spielt, oder am 10/10/10 ein kostenloses Webkonzert gibt, nur damit er irgendwie im kollektiven Bewusstsein bleibt. Aber wo er auch auftauchte, er blieb ein Hampelmann am Memorymoog, mit der einen Hand die Akkorde von Equinoxe 4 hämmernd, mit der anderen den Chor weißgekleideter französischer Schönheiten dirigierend.

Sein erfolgreiches Erstlingswerk Oxygene hat er noch mal ausgewrungen mit einer remasterten Version des Albums auf CD in 44,1 kHz/16bit, und auf DVD eine andere Version in 96 kHz/24 bit, und mit dem Video eines Wohnzimmerkonzertes auf DVD in 2D, und natürlich auch in 3D. So in etwa klammern sich alte Männer an ihre Erinnerung an die erste Freundin, als die Sommer noch lau, und die Düfte ganz neu waren, und kribbelig machten.

Diese Platte noch, mag er gedacht haben an dem Konferenz-Tisch, dann verkauft er seine Synthesizer an ein JMJ-Museum. Weil, was er darauf spielen könnte wäre nix neues mehr. Er hat’s versucht, er kann nichts Anderes. Man sollte halt aufhören solange es noch schön ist. Jetzt ist er nur noch peinlich. Punkt.

PS: Seine aktuelle Vorgehensweise ist nicht dazu geeignet die schon ewig keimenden Gerüchte, seine erfolgreiche Musik der 1970er und 80er Jahre kommt tatsächlich von seinem Vater Maurice Jarre, dem Komponisten von großen Filmmusiken wie Dr. Schiwago, und tatsächlich nicht vom kleinen Jean-Michel, auszuräumen.

PPS: Ich sollte mich nicht immer so aufregen. Einatmen, halten, ausatmen, Pause. Wiederholen …

(Nein, hier gibt es dieses Mal keine Links. Ihr könnt seiner Marketingmaschine sowieso nicht entgehen.)

 

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