Zwischen akustischem Müll und ausradierter Orientierung.

Stille, die immer schon ein Herumspielen mit Klängen beinhaltet, ist also eine goldene Mitte zwischen dem Extrem des Lärms und dem Extrem des akustischen Nichts.

WroblewskiBrian Eno: „Ich glaube, man arbeitet oft als unmittelbare Reaktion auf seine Umgebung und versucht, in der Musik das zu erschaffen, was man draußen im Leben nicht vorfindet. Diejenige meiner Platten, die den stärksten Eindruck von Natur vermittelt – „On Land“ – entstand in Manhattan. (…) „On Land“ war die definitive Antwort auf Manhattan, der Versuch, eine Gegenwelt zu schaffen, eine geistige Welt, in der ich leben konnte“.

Eine akustische „Gegenwelt“ kann uns in hohem Maß helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Allgemein bekannt ist, dass Musik die Lebensfreude zu steigern, Trost zu spenden, Einsamkeit zu überwinden, Kommunikation zu stiften vermag. Brian Enos „On Land“ ist in der Tat eine sehr entspannende, „organisch“ und „natürlich“ klingende Reise in eine Welt, in der es zum Glück gar keinen „akustischen Müll“ gibt, keine Hektik, keine unerträglich schrillen Töne. Enos Soundscapes sind still, schön „rund“ und zwingen sich nicht auf – viel eher stiften sie einen Befriedigungszustand indem sie ohne Mühe quasi „eingeatmet“ werden können. Ein ausgezeichnetes „Stillleben“, das vor dem Hörer tatsächlich eine Welt voller Wiesen, Weideländer und still fließender Bäche öffnet.

Das Interessante an dem Phänomen „Stille“ ist aber, dass Stille, die man als Antidotum gegen den allgegenwärtigen Lärm von heute – den „akustischen Müll“ – so dringend braucht, doch gehört werden muss. Silence must be heard. Stille ist fördernd, nötig und angenehm – schiere Lautlosigkeit ist bedrohlich, unheimlich, irgendwie gar demütigend. Es ist bekannt, dass der Mensch schon von seiner Anatomie und Physiologie her zuallererst ein Hörender ist.

Bernie Krause, Spezialist für elektronische Musik (er arbeitete u. a. mit The Doors oder George Harrison zusammen), der über Bio-Akustik promovierte, schreibt in seinem hochspannenden Buch „The Great Animal Orchestra“ (dt. „Das große Orchester der Tiere“, München 2013): „Absolute Geräuschlosigkeit bedeutet Reizentzug. (…) Sollten Sie sich jemals in einem [totenstillen] Raum aufhalten, werden Sie wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten einen Nervenzusammenbruch erleiden“. Weiterhin erinnert sich Krause an ein folgendes Erlebnis: „Im Rahmen einer Auftragsarbeit stieß ich einmal zufällig im Grand Canyon auf einen beinahe schalltoten Raum. Es war der lautloseste Ort in der natürlichen Welt, den ich je betreten hatte (…). Als ich einen Augenblick ruhig dasaß, merkte ich bald, dass ich nur das Blut in meinen Adern fließen hörte: ein leises pulsierendes Pochen am einen Ende des Spektrums und ein Heulen am anderen Ende, (…) ein im Entstehen begriffener Tinnitus. (…) Nach kurzer Zeit war ich so verwirrt, dass ich anfing, mit mir selbst zu sprechen und zu singen und Steine an die Canyonwände zu werfen, um andere Geräusche zu hören (…). [S]o packte ich bald meine Sachen zusammen und kehrte in die Hörweite des Flusses zurück, wo mir das fließende Wasser akustische Orientierung bot“.

Reeves In Starless Space Main Firmament Iv Eno On Land

Stille, die immer schon ein Herumspielen mit Klängen beinhaltet, ist also eine goldene Mitte zwischen dem Extrem des Lärms und dem Extrem des akustischen Nichts. Ein Antidotum gegen beide Unheimlichkeiten.

Immer wenn ich in die höchst spannenden, abstrakten, mit „Klangausschaltungspassagen“ befleckten Impressionen wie David Reeves’ „Message Fragment“, „Lights Out“ von Pete Namlook & Bill Laswell oder [Main]s „Firmament“-Zyklus-Stücke reinhöre, muss ich an eine fantastische Erzählung des polnischen Schriftstellers Henryk Vogel denken: „Sen urzędnika“ („Der Traum eines Beamten“). Die Hauptfigur aus der Erzählung erlebt etwas völlig Erschreckendes: Auf dem Weg zum Büro stellt der Beamte fest, dass es immer weniger Menschen und Fahrzeuge unterwegs gibt. Als er vor dem Eingang steht, merkt er, dass alles absolut leblos und leise geworden ist. Sogar die Zeit steht still. Der Beamte versucht mit der Situation klar zu kommen. Zunächst einmal ist er natürlich ganz froh, dass er plötzlich in das Zimmer des Chefs reinschauen kann, ja sogar seine Schränke und Schubladen öffnen darf. Gleich führt er eine kleine „Befreiungsaktion“ durch, die darin besteht, dass er wichtige Unterlagen aus dem offenen Fenster schmeißt. Als er wieder draußen ist und feststellt, dass er Hunger hat, besorgt er sich kostenlos seine Lieblingsprodukte in einem genauso leeren Lebensmittelladen. Nun ist er frei von allem, sogar von der Zeit. Plötzlich aber wird das alles unerträglich. Der Beamte spricht mit sich selbst, singt, dann verfällt er in wildes barbarisches Geschrei, um die unerträgliche Lautlosigkeit der steinernen Welt zu überwinden. So kann das Weiterentdecken der offenstehenden Stadt, ja der ganzen Welt, weitergehen. Und doch ist das nicht möglich. Der Beamte beginnt zu verstehen, was sich hinter allen bis dahin geschlossenen Fenstern, Türen, Gräbern versteckt: Rein gar nichts. Unerträglicher geht es nicht. Bevor er sein Bewusstsein verliert, fischt er aus der tödlichen Lautlosigkeit doch einen leisen, aber beharrlichen Klang heraus! Die Zeit setzt wieder ein – die Uhrzeiger bewegen sich! Und dann kommt aus der Ferne die so sehnsüchtig erträumte Straßenbahn voller Menschen – der böse Traum ist aus.

Sobald die seltsamen, atonalen, porösen Klangerzeugnisse wieder aus der von Reeves, [Main] oder Namlook & Laswell hergestellten quasi-Lautlosigkeit auftauchen, klingen sie doch trotz ihrer Abartigkeit unfassbar angenehm – wegen ihrer bloßen Präsenz, wegen ihrer Rückkehr in den für einige abgefahrenen Weilen völlig ausradierten Orientierungsraum.

Brian Eno im Internet
Igor Wroblewski auf Facebook (Arp Decade)

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