Interview: Sonst stelle ich hier die Fragen …

… aber dieses Mal ist es Christian Fiesel, aka. Fzk Wolf von Radio Modul303, der es ganz genau wissen will. Ausgerechnet von mir. Na dann … 

Christian FiselAm 19. Juni zog mich Christian Fiesel, auch bekannt als Fzk Wolf bei Radio Modul303, in einen Chat und ehe ich mich versah, war ich mitten in einem Interview gelandet. Christian hat meinen Beitrag zum „Nahtod“ der elektronischen Musik zum Anlass genommen, mit mir über die Szene zu sprechen, über das was war, was kommen könnte, und was man bis dahin so machen kann. Hier das Ergebnis:

Hallo Thomas, wollte Dir noch einmal auf diesem Wege sagen, wie gut und passend ich Deinen Artikel zum „Nahtod“ der elektronischen Musik finde.

Moin Christian, was meine Meinung zur Musik angeht, da werde ich sicher nicht lügen, aber ganz sicher auch nicht alles sagen. Das tue ich nie. Ich weiß ja auch nicht alles und oft stellt sich heraus, dass ich Anfangs abgelehnte Musik mit der Zeit als Meilenstein eingestuft habe. Da wird man vorsichtig.

Hast Du die Ohren voll mit Musik, die Du besprechen willst?

Also, ich habe hier einen Stapel CDs, die ich gerne besprechen möchte. Und dieser Stapel ist nur ein kleiner Teil der CDs, die ich bekommen habe und zu denen ich nichts sagen kann. In diesem Sinne hast Du absolut Recht. Ich habe die Ohren voll.

Inwiefern kannst Du dazu nichts sagen ? Das wäre jetzt schon mal interessant. Wo liegen denn da Deine Kriterien ?

Es gibt viele Alben, zu denen ich nichts sage – und das aus unterschiedlichen Gründen. Ich kann nur dann eine Rezension schreiben, wenn mich ein Album berührt. Und das sage ich den Künstlern auch, die mir eine CD senden. Und zwar vorher. Manchmal dauert es ein paar Wochen, zuweilen einen ganzen Monat und mehr, bis ich zu einer CD was sagen kann. Ich setze mich da nicht unter Druck und werde zum Glück nicht unter Druck gesetzt. Außerdem bekommt jede CD mehrmals die Chance auf den Rezensionsstapel zu landen, denn ich bin immer auf der Seite des Künstlers. Nur wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht.

Ich fand Deinen Beitrag über den schleichenden Tod der EM in Flächenklang sehr konstruktiv. Und mir liegt daran zu verstehen, wo steht die EM heute?

Nun, ich schreibe keine Verrisse. Ich könnte jede Woche eine Warnliste herausbringen „Achtung: Die folgenden CDs würde ich nicht kaufen. Ich habe sie angehört. Die sind einfach nur Mist.“ und dann fünf oder sechs Albumtitel aufführen. Kein Problem. Mache ich aber nicht.

Es gibt endlos viele Alben der Berliner Schule. Gut gemacht, technisch perfekt aber wenig originell. Mich langweilt das Meiste davon. Genau wie viele Ambient-Alben die in Schönheit sterben. Die traditionelle elektronische Musik wird nicht mehr wahrgenommen. Meine eigene Meinung nach, weil die derzeit produzierte Musik

  1. reine Männermusik ist,
  2. überwiegend von „älteren“ Männern gehört und vor allem „produziert“ wird, die oft genug im „stillen Kämmerlein“ (im Sinne von Alleine) ihre Werke erstellen, und
  3. diese ältere Zuhörerschaft/Musikerschaft dem nacheifert, mit dem die Herren aufgewachsen sind.

Verlassen wir aber mal diesen Dunstkreis, so kann man aber feststellen, dass z.B. gerade in England und Skandinavien immer neue Kräfte mit ganz neuen Ansätzen kommen. Wie siehst Du das ?

 

Das Wort „produziert“ trifft das Problem wohl am ehesten.

 

Aaaaalsooooo, puh … Erstens, Mädchen. Mädchen sind toll. Und es gibt meiner Meinung nach viel zu wenige davon. Das Problem haben Genres andere aber auch. Es gibt im populären Bereich der EM eine Initiative die „Female Pressure“ heißt. Da machen Mädchen ihren Anteil an der populären EM sichtbar. Ich freue mich, wenn Frauen traditionelle EM machen, weil die meist viel mehr Gefühl in die Musik legen. Das geht den meisten Kerlen total ab. Die sind eher technikzentriert.

Zu 2: Klar, alte Männer machen es sich selber hinter verschlossenen Türen. Keine Frage. Das ist so. Da gibt es aber auch schon sichtbare Tendenzen diesen Weg zu verlassen. Sine Amplitude zum Beispiel. Aber, das darf man auch nicht vergessen: Die traditionelle EM ist mit genau dieser Arbeitsweise der Frickler an ihren blinkenden Geräten entstanden und groß geworden. Das Wort „produziert“ trifft das Problem wohl am ehesten. Wie Matthias Müller von delamar.de vor kurzem schrieb, sind viele Musiker heutzutage nur noch Produzenten. Content-Provider.

Und noch eins. Gute Musik kommt aus dem Bauch und den Eiern, und nicht aus dem Kopf. Gerne noch aus den Eierstöcken, aber sonst nirgends …

Und wenn sie mal ausnahmsweise aus dem Kopf kommt, dann sollte man das auch merken. Aus dem Kopf sollten Sachen kommen, die Hand und Fuß, und Herz und Hirn haben. Stücke, die brillieren, die detailreiche Kunst sind, die einen intellektuell fordern und gerne auch verstören dürfen. Aber mit Verstand, und nicht mit als Kunst angemaltem Chaos und bestenfalls groben Unfug. Wenn ich mich dann durch die vielen Alben höre, dann sind die Stücke überwiegend eben nicht aus dem Kopf oder aus dem Unterleib entstanden. Wo die entstanden sind kann ich aber nicht sagen.

Wobei Dein Link auf Female Pressure durchaus sehr eindrucksvoll zeigt wie stark und technik-affin Frauen damit umgehen. Und ich würde mir sehr wünschen, dass mehr Musik aus den Eiern/Eierstöcken kommt. Dann bekommt sie nämlich mehr Groove, wird von der Masse eher akzeptiert. Mein Eindruck ist, Masse ist bei einigen Kollegen eher „pfui bäh“ …

Nun, die Mädels bei Female Pressure machen überwiegend elektronische Tanzmusik. Das ist schon was anderes als traditionelle elektronische Musik.

Bei Modul303 erlebe ich aber leider oft, dass es immer wieder um das Gleiche geht. Wer wagt, verliert … wer zum Tanz aufspielt, den nimmt man doch bitte nicht Ernst.

Wer bei 303 sagt das?

Bei Modul 303 sagt das niemand, aber die Reaktion der Hörer sind – ich spreche von Hörerzahlen – nun, sagen wir mal „interessant“. Die Aussage „elektronische Musik ist tot“ kann man mit Fug und Recht aussprechen. Denn sämtliche heute betriebenen Methoden für die Musikerstellung sind elektronisch. Da brauchen wir gar nicht erst zum Computer als Editier- und Aufnahmegeräte zu kommen.

Und noch etwas, das ich aus meiner Erfahrung bei Modul303 mitbekommen haben: Die Perlen, die muss man leider selber suchen. Wenn wir die elektronische Musik im engeren Sinne betrachten, also Musik die sich auch so versteht, würde ich immer noch die These wagen, dass neue Klänge es einfach immer schwer haben, weil Neues Gewöhnung braucht … oder Pop-Appeal.

Mein Artikel sollte ja ein Weckruf sein. Und wenn er das bei einigen tatsächlich war, dann haben sie es für sich behalten. Ich habe nur sehr wenige Reaktionen bekommen, die anmerken ließen, dass sie verstanden haben worum es mir ging. Dabei dachte ich, dass das offenkundig war.

Die heutige traditionelle elektronische Musik ist tot, weil sie ideenlos vor sich hin dümpelt. Jemand findet beim dudeln einen Loop, eine kurze interessante musikalische Szene und die spielt er dann so lange, bis sie nach nix mehr schmeckt und der Zuhörer nur noch schnell weg will.

Wenn ich aber Tangram von Tangerine Dream höre, dann sind in dem einem Stück so viele geniale Loops, dass andere daraus eine Tripple-CD machen. Das hat aber anscheinend kaum einer kapiert …

 

Musik darf einfach sein. Aber es muss Idee rein. Wendungen, Substanz, Kunst und Können.

 

Ich glaube, die meisten fühlten sich entweder nicht angesprochen („Ich doch nicht !“) oder ja, sie haben Dich nicht verstanden. Ich erkläre mir das so. Als ich Kind war fing mein Vater — wohl um zu zeigen, das er jetzt zum arrivierten Kreis gehört — an Dixieland zu hören. Eine extrem repetive Musik. Ersetze das durch Deine Loops von Tangram, oder jedem anderen TD-Track, und Du bist am Grunde des Kaninchenlochs. Wir Musiker wiederholen nur was wir einmal vor 40 Jahren als „aufregend“, als „modern“ erlebt haben.

Ich will damit sagen : Ja, Du hast recht. Das Beherrschen der Technik, und das Verstehen der Abläufe ersetzt nicht den Schaffungsprozess, der aus der Technik erst ein funktionierendes künstlerisches Ganzes macht. Ich habe wirklich viel gut gemachte Musik gehört. Aber spannend wurde es erst immer, wenn jemand mit meinen Hörgewohnheiten bricht. Für mich ein Paradebeispiel ist Hagen von Bergen. Man kann zu seiner Musik stehen wie man will, aber sie ist in jeder Hinsicht originär. Das wird noch „neu“ sein, wenn wir beide schon nicht mehr von dieser Welt sind. Übrigens auch, weil hier richtige Lieder entstanden. Das sehe ich sehr selten in der EM. Schade eigentlich …

Ja, das ist er. Ohne Zweifel. Höre mal das hier: Kraftwerk, Music Non Stop

Der ganze Track besteht aus ein paar wenigen Elementen. Und trotzdem ist keine Sekunde des Tracks mit einer anderen Sekunde des Tracks identisch. Da passiert bei aller gewollten Langeweile die ganze Zeit etwas. Hallräume öffnen sich ganz kurz, Echos kommen und verstummen und so weiter und so fort …

Eine Einschätzung und Bewunderung, die ich völlig teile. Perfekter kann man Musik nicht machen. Aber wer so am Werk feilt, der kann eben auch keine 100 Alben veröffentlichen. Und es ist Teamwork. Das scheint mir ein sehr wichtiger — und trotz TMA — sehr seltener Aspekt zu sein. Kraftwerk beherrschten das Alphabet der modernen Musik wie in Deutschland nur sehr sehr wenigen.

Noch ein Beispiel dafür, dass Musik sterbenslangweilig, und gleichzeitig unfassbar spannend, sein kann: Laurie Anderson, Oh Superman …

Musik darf einfach sein. Aber es muss Idee rein. Wendungen, Substanz, Kunst und Können.

Am dümmsten fand ich die Kommentare auf meinen Artikel, ich sollte erst mal selber was schaffen und könne dann den Mund aufmachen. Hallo? Seit wann muss ich Komponist einer Oper sein um zu sagen das Der Freischütz totaler Mist ist?

Laurie Anderson geht aber noch einen Schritt weiter als Kraftwerk. Von Anfang an. Musik als Konzept. Konzept als Musik. Und Worte. Worte, die Geschichten erzählen. Könnte das nicht helfen ? Bob Dylan ist sicherlich nicht der Übersänger, der Übergitarrist, aber die Geschichten …

… haben Substanz. Sonst könnte Helene Fischer das auch. Aber dazu braucht man einen langen Atem.

Ich glaube Du wusstest, dass es Anfeindungen geben wird. Das hattest Du ja schon vorab selbst angekündigt. Und natürlich darf ein Musiker sagen: „Mach mir das mal nach“, und nichts anderes wurde Dir ja gesagt. Aber eigentlich gibt er damit nur zu: „Ich kann es nicht besser“.

Jemanden aufzufordern, er solle was besser machen ist wertlos. Wenn er es besser könnte hätte er es doch gemacht.

 

Zivilisation ist in etwa so tragfähig wie der geschmolzene Zucker auf einer Crème brûlée.

 

Autsch! Jetzt fährst Du aber ganz schöne Geschütze auf. Helene Fischer ist schon harter Tobak. Wer nicht lernen will, ist gezwungen zu wiederholen. Ich hoffe, Du wurdest nicht zu sehr angegangen. Ich hätte mir von Deinen Kritikern erwartet : „Ich mache es so, weil ich es möchte und nicht anders kann“. Das (!) ist eine Aussage. Darüber könnte man dann diskutieren, und Deine Verbesserungsvorschläge hätten eine Chance.

Aber so, wie ich auf Facebook einige kennengelernt habe … vergiss es. Ich würde mir von Dir wünschen, in dieser Sache nicht nachzulassen. Aber vielleicht findest Du ja einen positiven Approach, der ja sowieso eher Deine Sache ist. Die guten Neuen loben. Und auch sagen, warum. Genau genommen tust Du das ja schon.

Ach, wenn ich behaupten würde das mir das nichts macht, dann würde ich lügen. Ich bin seit 1996 im Internet öffentlich. Ich habe ein fettes Blog geführt. Eines der fünf Größten, das der Blog-Hoster damals hatte. In diesem Blog habe ich viele Dinge erlebt. Ich habe Gedanken geteilt (auch provokante), diskutiert und über mich geschrieben. Und ich war immer Angriffen ausgesetzt.

Von diesen Angriffen habe ich viel gelernt. Der Höhepunkt war, als ich bei einer sehr wahrscheinlichen Kindstötung hier im Ort mich gegen Presse und Mob stellte, und verlangte, dass der Täter erst dann verurteilt wird wenn seine Tat nachgewiesen wurde. Ich habe auf die Unschuldsvermutung gepocht, und sie als wichtiges Zeichen der Zivilisation hoch gehalten. Sie haben mir die Zivilisation mit brennenden Fackeln aus der Hand geschlagen. Seit dem weiß ich aus eigener Erfahrung was ein Shitstorm ist. Danach brauchte ich zwei Jahre Pause vom Internet.

Die Lektion war, es gibt Themen bei denen du besser keine Stellung gegen den Mob beziehst. Zivilisation ist in etwa so tragfähig wie der geschmolzene Zucker auf einer Crème brûlée.

Seit 1996? Du meine Güte. Dagegen bin ich wirklich noch ein Newbie. Ich möchte den Menschen (und als solche sehe ich jeden Künstler) grundsätzlich ein Minimum an Wertschätzung entgegenbringen. Aber wo die öffentliche Empörung auflodert, muss man schon sehr viel Mut haben, aufzustehen. Meinen tief empfundenen Respekt. Ich könnte das übrigens nicht.

Was könntest Du nicht?

Ich könnte nicht so uneingeschränkt anderen Leuten im Internet die Wahrheit um die Ohren … na „schlagen“ ist ein schlimmer Ausdruck … umso beeindruckter war ich, dass ein so freundlicher und wertschätzender Menschen (meine Einschätzung, nach Deinen Beiträgen auf Facebook) so offene Worte findet.

Danke!

 

Mein Thema ist Flächenklang. Die traditionelle elektronische Musik. Sozusagen der Jazz in der EM …

 

Ich wünschte, ich könnte Dir kategorisch widersprechen. Könnte sagen, „Thomas, nein, Du gehst zu weit“. Aber das kann ich nicht. Was wir aber beide tun können — jetzt komme ich wieder auch auf MODUL303 zurück — neuen Klängen einen Platz bieten.

Ok, bieten wir neuen Klängen Platz. Welche Klänge sollten das sein?

Also, was aus meiner Sicht „neu“ ist kann sich auf ein großes Gebiet beziehen, und im Zweifel sogar mal deiner Definition zuwiderlaufen. Gelegentlich entdecke ich auf Facebook Künstler die etwas machen, was ich so vorher einfach noch nicht gehört habe. So wie Dein Link zu „Femal Pressure“. Ich werde mit Sicherheit ein, zwei Kolleginnen anschreiben. Ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Musik auch in Deutschland hörbar zu machen. Also Stichwort „Neues Geschlecht“. Dann trifft man immer wieder auf Künstler (der Name Hagen von Bergen fiel schon), bei denen man durch Zufall reinhört und der Kopf dreht sich, der Herzschlag erhöht sich, soetwas hat man noch nicht gehört. Also Stichwort „Neue Musik“. Auch reizvoll sind die Werke, die teilweise auf Aura Films in den USA laufen,. Wo sich Jack Hertz darum bemüht, andere Künstler unter einem ganz besonderen Thema (zum Beispiel Nebel) zu versammeln und ihre Idee zu einem neuen Thema zu vereinigen.

Ich habe im Moment viel mehr Ideen als ich umsetzen kann. Und EDM ist für mich nur als Konsument ein Thema. Und oft nicht mal das. Mein Thema ist Flächenklang. Die traditionelle elektronische Musik. Sozusagen der Jazz in der EM …

Was genau fasst Du unter Flächenklang zusammen ? Ich finde den Ausdruck Jazz der EM — wenn ich begrifflich richtig liege — sehr passend. Wie sieht Deine Wunschliste aus? Was ist für Dich neu? Wer ist für Dich neu?

Also, was auf Flächenklang landet und was nicht, das habe ich noch nie definiert. Mein Bauch sagt, was geht und was nicht. Mit Flächenklang bin ich erstmals in der Lage zu tun was ich will. Und das bin ich noch nicht richtig gewohnt. Aber ich gewöhne mich recht schnell daran.

Jazz trifft es leider nur am Rande. Jazz ist oft zu verkopft, und im schlimmsten Fall eine Masturbationsveranstaltung von technisch aussergewöhnlich versierten Instrumentalisten, die sich vor Publikum einen auf ihre Fähigkeiten runterholen … Hurz!

Auf der anderen Seite trifft es Jazz ganz gut, weil es eine Kunst und Unterhaltungsform ist, die ein seeeehr breites Spektrum hat, und dabei anscheinend immer ins Herz trifft. Ausser natürlich bei den oben erwähnten, äh … du weißt schon. Man kann mich mit einem einzigen Sound und einem einzigen Ton auf einem Synthesizer begeistern, wenn er mit Herz und Liebe gespielt wird. Das kann Metal nicht. Pop auch nicht. Auch Klassik kann das nicht. Das kann nur der Jazz. Und wenn er das auf einem Synthesizer macht, dann hat er mich …

 

Ich glaube nicht, dass Kraftwerk ihr Erbe verwalten. Ich glaube sie schlachten es aus.

 

Übrigens, es gibt durchaus auch EM, auf die Deine Beschreibung aus dem Jazz — ich wiederhole das jetzt nicht — aus anderen Gründen passt. „Guck mal, meine Synthesizerburg, und jetzt startet sie von ganz alleine …“. Da reicht dann natürlich auch mal ein Loop, drei Standardklängen und 4/4-Beat. Ich finde es durchaus schwer anderen Musikern mangelnde Liebe nachzusagen. Es ist eher so, dass in diesem Falle Liebe „blind“ macht. Das gilt für mich beim Jazz genau so. No mindfuck, please.

Was wäre eigentlich für Dich ein interessanter Vertreter der EM der Gegenwart. Laurie Anderson geht allmählich in Rente, Kraftwerk verwalten ihr wohlverdientes Erbe …

[Lange Pause] Diese Frage ist sehr gut gestellt.

… ich weiß. Und sie ist sicherlich nicht leicht zu beantworten. Dennoch …

[noch längere Pause] Ich glaube nicht, dass Kraftwerk ihr Erbe verwalten. Ich glaube sie schlachten es aus, ziehen heraus was noch zu holen ist, denn danach haben sie nichts mehr. Manche Bands spielen ihren alten Kram, um damit den Hype für ein neues Album anzufachen. Kraftwerk hat ganz klar den Hype entfacht, aber das Album bleibt aus. Ich denke, auf ihrer Tour ist klar geworden, dass die Leute wegen der Musik gekommen sind. Und nicht wegen der Band. Denn die ist austauschbar, was ja von Ralf Hütter bewiesen wurde.

Ein neues Kraftwerk-Album ist nicht abzusehen, obwohl es ja Gerüchte gab. Und das ist auch gut für Kraftwerk. Ein neues Album könnte überhaupt niemanden zufrieden stellen. Kraftwerk hat für alle Alben immer viele Jahre gebraucht um Akzeptanz zu erhalten. Da war kein Mega Shooter dabei. Jedes neue Album stellte die Journalisten wieder vor die Frage, ob die denn jetzt aber endgültig total verrückt geworden sind, und wie weit sie es noch treiben wollen. Erfolg hatten deren Alben immer nur in der Rückschau. Und für das hat das Musikbiz heute keine Zeit mehr. Top oder Flop wird anno 2015 in Tagen gemessen, nicht in Monaten.

Eingedenk des Alters von Ralf Hütter, nicht zu vergessen der Tod von Edgar Froese im Januar dieses Jahres, sowie der Rückzug aus gesundheitlichen Gründen: Die deutschen Gründungsväter gehen in Rente. Aber wer kommt? Woher kommt das Neue? Siehst Du aus Deiner sehr weiten breitgestreuten Perspektive auch Hoffnung für den offensichtlich kränkelnden Patienten Deutsche EM?

Du bleibst am Thema, ich mag das.



Ich möchte schließlich ja auch einen Austausch zu einem schwierigen Thema. Wenn Du für heute genug hast und Dir über die Antwort etwas mehr Zeit wünscht, ist das selbstverständlich kein Problem.

Nein nein. Kein Problem. Um die Frage endlich zu beantworten, ich sehe manchmal einzelne Tracks aufblitzen die das Zeug haben die Hinterlassenschaft aus den 1970ern, die ja auch nur noch mit verklärter Brille gesehen wird, aufzunehmen und weiter in die Zukunft zu tragen. Diese Tracks kommen aber nicht alle von einem Künstler. Insofern kann ich die Frage gar nicht eindeutig beantworten.

Nicht mal Edgar Froese konnte seinen eigenen Nachlass in’s neue Jahrtausend retten. Peter Baumann auch nicht. Klaus Schulze ebenso. Ist wohl nicht ganz leicht, das Paket …

 

Klar, sie halten die Fahne hoch. Aber die Fahne hat sehr gelitten, ist inzwischen fadenscheinig und ausgeblichen.

 

Würdest Du — daraus folgernd — der These zustimmen, dass das grosse Erbe der 1970er Jahre heute auf vielen „kleineren“ dafür aber agileren Schultern gestemmt wird? Ist es dann nicht vielleicht so, dass wir auch die Bewahrer als Teil einer Szene anerkennen sollten, die kontinuierlich einen Brückenschlag sucht zu einer Zeit, in der der Glanz einfach durch das gänzlich neue Medium und Instrumentarium bestand, aber deren wahre Erben Künstler sind, die die Großen auseinandernehmen, neu zusammensetzen und damit viel weitergehen — und zwar eigentlich international — als wir es aufgrund des Marktes (der veröffentlichen CDs) so richtig sehen können?

Man kann ein Erbe auf verschiedene Weise nutzen. Zum einen um es zu bewahren. Dann muss man aber auch aufpassen, dass es nicht zerfällt. Oder man kann es verwenden um damit etwas Neues zu schaffen.

Ich versuche einfach auch den „Kopisten“ ihr Recht auf „Ihre Musik“ einzuräumen. Aber schlimm/unpassend wird es, wenn diese Musiker sich nicht mehr gewahr werden, dass sie wirklich nur noch „verwalten“ und „bewahren“. Und dieser Mangel an Selbsterkenntnis – so scheint mir – ist ein (!) Kern deiner … nennen wir es ruhig … Kritik an der „Szene“.

Das „Erbe“ der Elektroniker der 1970er Jahre wurde unterschiedlich verwendet. Zum einen sind da die Menschen, die die Sounds und die Musik weiterentwickelten, und heute auf gigantischen Festivals tausenden Menschen Freude machen. Die haben das Potential des Synthesizers und seine Möglichkeiten weiter entwickelt und mit anderen Elementen verbunden. Aus Sequenzen wurden Grooves, und so weiter. Die anderen aber als Bewahrer zu bezeichnen finde ich zu hoch gegriffen. Wenn ich etwas bewahre, dann mache ich im gleichen Stil und auf gleichem Niveau weiter. Und genau das kritisierte ich in meinem Artikel. Das notwendige Niveau wird nicht erreicht. Und der Musik-Stil ist als Folge daraus zu einer Karikatur geschrumpft. In diesem Sinne sind sie schlechte Bewahrer. Klar, sie halten die Fahne hoch. Aber die Fahne hat sehr gelitten, ist inzwischen fadenscheinig und ausgeblichen.

Und jetzt, nach dem Artikel und den vielen Kommentaren (die ich ja in einem weiteren Artikel zusammenfasste) wird mir klar, dass die Bewahrer überhaupt kein Problem damit haben. Das machte mich, um das Wort mal etwas zu strapazieren, fassungslos. Sie sollen ja nicht die ewig gleichen Sequenzen immer und immer wieder spielen. Aber sie sollten als Bewahrer das Niveau aufrecht erhalten. Und wenn ich dann von einigen wenigen höre, dass sie das Niveau aber so was von halten, dann schlägt es mich aus den Schuhen. Und wenn selbst eindeutig negative Hörbeispiele nicht akzeptiert werden, sondern sogar behauptet wird dass die Bewahrer (besonders in diesem einen Fall) noch besser sind als das Original, dann steige ich aus der Diskussion wegen akuter Sinnlosigkeit aus.

 

…sondern auf eine Weise, dass man Freude hat, dem unverbrauchten jungen Gemüse beim Musizieren zuzuhören.

 

Ich finde das Bild mit der fadenscheinigen und ausgeblichenen Fahne sehr gut. Und es bleibt dabei: Dein Weckruf war nötig. Und es wird auch weiter nötig sein, dass nicht nur Musiker, sondern Redakteure heiße Eisen anfassen.

Mich stört diese permanente Selbstbeweihräucherung auf Facebook schon etwas. Natürlich, jeder möchte gehört werden. Aber, wie hast Du so schön geschrieben: Muss ich jeden Blubb meines Synthesizers auf CD herausbringen? Nein, bzw., wenn ich es denn tue, dann weiß ich auch es ist mein privates Vergnügen. So etwas wie die Edgar Froese Tribute Serie. Da darf es dann sein. Aber wenn ein Musiker wirklich an ein zahlendes Publikum tritt, sollte sein Ehrgeiz immer sein, dass er oder sie zu hören ist.

Ich habe übrigens Deinen „Selbstversuch“ mit YouTube-Videos in etwas anderer Konstellation nachvollzogen, und kam so mindestens zu eben so niederschmetternden Ergebnissen. Was mich übrigens an Deinem letzten Zeilen gerade erschütterte ist der letzte Satz: “Und wenn ich dann von einigen wenigen höre, dass sie das Niveau aber so was von halten, dann schlägt es mich aus den Schuhen. Und wenn selbst eindeutig negative Hörbeispiele nicht akzeptiert werden, sondern sogar behauptet wird das die Bewahrer (besonders in diesem einen Fall) noch besser sind als das Original, dann steige ich aus der Diskussion wegen akuter Sinnlosigkeit aus.“ Ich glaube Dir natürlich, dass Du das erlebst hast. Aber ich halte das für kaum auszuhalten. Selbstkritik ist schwer, aber die freundschaftliche Kritik eines Kollegen sollte einen doch zumindest einmal innehalten lassen. Ich frage naheliegenderweise nicht nach dem „Künstler“, gebe aber offen zu das mich solche Schilderungen erschüttern, und gleichzeitig faszinieren.

So, als guter Interviewer musst Du nun noch gegen Schluss einen Ausblick auf die Zukunft wagen/fordern.

Natürlich darf diese Frage nicht fehlen — obwohl ich Dich in gewissem Sinne (Zitat: Woher kommt das Neue? Siehst Du aus Deiner sehr weiten breitgestreuten Perspektive auch Hoffnung für den offensichtlich kränkelnden Patienten Deutsche EM?) — schon einmal versucht hatte dich dort einzufangen. Aber ganz klar. Wie ist Dein Ausblick ? Wie sind deine Hoffnungen?

Meine Hoffnung ist, dass ich die wirklichen Bewahrer der traditionellen elektronischen Musik entdecke. Und zwar bei Menschen die um die 20 sind, und die alte EM als das sehen, was sie auch mal war: Eine Chance sich außerhalb der Konformität auszutoben, neue Klänge zu probieren, einfache Strukturen in genialen Zusammenhängen zu verwenden, und das nicht so gnadenlos schlimm zu machen, dass man angewidert seine Boxen retten möchte und abschaltet, sondern auf eine Weise, dass man Freude hat, dem unverbrauchten jungen Gemüse beim Musizieren zuzuhören.

Und meine zweite Hoffnung ist, dass ich alter Sack diesen Mädels und Jungs eine Startrampe sein kann. Echt, das würde mir die Tränen der Freude in die Augen treiben …

Ich würde mir das auf jeden Fall sehr wünschen, dass Du als Mentor einer neuen Generation Erfolg hast, dass wir beiden alten „Säcke“ noch ein neues Licht am Oszillator sehen, eine Generation, für die der Umgang mit EM nichts mehr Neues ist. Für die der Synthesizer schon ein Ding von gestern ist, die im neuen digitalen Zeitalter einfach alle Regeln brechen. Außer das gute Musik immer Eier/Eierstöcke braucht und vom Herzen kommen sollte. Wäre das ein zulässiges Fazit ?

Yo, passt. Flächenklang ist jetzt ein Jahr alt. Meine Tochter konnte mit einem Jahr noch nicht richtig laufen. Immerhin habe ich es bei Flächenklang geschafft, dass sich eine nicht unerhebliche Menge von Menschen dafür interessiert, ob das Projekt bald die ersten Schritte alleine schafft. Und wenn nicht, dann gehe ich wenigstens nicht einsam unter, sondern mit Publikum. Was mehr kann man sich im Jahr 2015 schöneres für ein Webprojekt wünschen?

Dann wünsche ich Dir und Deinem Flächenklang Blog alles gute und viel Erfolg. Und hoffentlich auch weiterhin viele äußerst interessante und kontroverse Diskussion.

Radio Modul 303 im Internet und auf Facebook
Christian Fiesel aka. Fzk Wolf auf Facebook

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