Realtime | Magnificent Imaginations

„Ich muss mich in gewissen Abständen immer mal ins Studio begeben um meinen Kopf wieder freizuspielen.“

Thomas BockMit Magnificent Imagination liefert Thomas Bock alias REALTIME sein fünftes und — das kann ich gleich vorweg verraten — bestes Album bisher ab. In sechs Stücken, mit Spielzeiten bis zu 17 Minuten, nimmt er sich dem stärksten Thema der traditionellen elektronischen Musik an, dem Weltraum. Aber nicht wie üblich in Soundtracks, die zu Planteariums-Präsentationen geschrieben sein könnten, sondern in einer unüberhörbaren Aufforderung die Weiten des Universums, seine Wunder und unfassbare Schönheit, die es ausstrahlt, im Inneren zu finden.

Magnificent Imagination schafft das, indem es durchaus traditionelle und beliebte Komponenten der traditionellen elektronischen Musik in einer weniger aufgeregten, weniger dramatischen Weise instrumentalisiert. Anstatt mit großen Effekten den Zuhörer an den Wundern des Weltall teilhaben zu lassen, erlaubt Thomas Bock mit leisen und fast zarten Elementen den Weg nach Innen zu gehen. Dieser Reise in das eigene Ich, und damit zum Bewusstsein, das jedem Körper Leben verleiht, bekommt in diesem Album einen angemessenen Soundtrack. Vor ein paar Tagen habe ich mit Thomas Bock gesprochen und ihn zu seinem neuen Release ein wenig befragt.

Thomas, das ist jetzt das fünfte Realtime-Album von Dir. Folgst Du in Deinen Alben einer bewussten Entwicklung?

Nun, ich möchte facettenreicher werden, aber immer orientiert an der traditionellen EM, und das natürlich mit meiner Handschrift. Elektronische Musik soll den Leuten weiter Spaß machen und ich möchte, dass der Hörer immer wieder ein wenig gespannt bleibt, was wohl als nächstes kommen wird.

Thema Deiner früheren Alben war der Weltraum. Was fasziniert Dich an dem Thema?

Der Weltraum hat mich seit meiner Kindheit immer fasziniert. Seine Weite und die vielen geheimnisvollen Vorgänge dort draußen im „Space“ lassen der Fantasie freien Raum. Und genau das begeistert mich als Musiker daran. Es finden kraftvolle und unerhört energiereiche Vorgänge statt, wie etwa eine Supernova. Gleichzeitig gibt es aber auch zarte, schwebende und weiche Abläufe, die mit unglaublicher Langsamkeit und Schönheit ablaufen, wie etwa die Entstehung und Ausbreitung von Gaswolken und galaktischen Nebeln. Das alles lässt sich am Synthesizer klanglich hervorragend umsetzen. Und so nehme ich den Hörer mit auf meinen Flügen durch das All. Der Hörer kann seiner Fantasie beim Lauschen der Realtime’schen Klänge freien Lauf lassen und hat Raum für eigene Interpretationen. Deswegen gehe ich auch kompositorisch niemals mit der Brechstange vor, sondern ich deute immer nur an. Der Hörer meiner Musik soll dann seine eigene Klangwelt bauen, und sich in ihr bewegen und wohlfühlen

Das neue Album hat übrigens nur einen Titel der sich auf den Space bezieht. Auch thematisch möchte ich jetzt behutsam eine neue Richtung einschlagen … back to Earth sozusagen …

Dein neues Album geht zunehmend hinein in die Tiefen des menschlichen Seins. Was hat diesen Perspektivenwechsel ausgelöst?

Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit den unendlichen Weiten des Weltalls, und seinen unfassbaren Kräften und gewaltigen Vorgängen, zwangsläufig dazu führen muss das menschliche Sein zu hinterfragen, und versuchen damit in Einklang zu gehen. Wir Menschen halten uns oft für viel zu wichtig. Aber wer sind wir denn im Verhältnis zu den unfassbaren Größen dort oben im Weltraum? Selbst unser Planet ist schon nach kurzer Entfernung nicht mehr wahrnehmbar, dann sieht man nur noch die Sonne als Stern … als Stern unter Milliarden anderer.

Du spielst Deine Musik auch im Studio live ein, verwendest also deinen Computer nicht wie üblich zum Noten setzen.

Genau, ich spiele ausschliesslich von der Klaviatur des Synthesizers über das Audio-Interface in die DAW. Eigentlich ganz klassisch … der Mac als Mehrspur-Tonbandgerät.

Wo holst Du Deine Inspirationen zu den Stücken? Oder entstehen sie im Spiel mit den Instrumenten?

Die Ideen zu den Tracks entstehen sehr oft, wenn ich in Europa unterwegs bin … schöne Landschaften inspirieren mich sehr. Aber auch beim Spielen von Sounds am Synthesizer oder beim Erstellen einer Sequenz entwickeln sich die Stücke nach und nach, so dass das Eine oftmals das Andere ergibt. Spur für Spur ergänzt sich somit und lässt den Track langsam wachsen. Auch für mich ist die Phase des Komponieren immer wieder ein Erlebnis. Und etwas ganz Besonderes.

Was bedeutet Musik für Dich? Besonders natürlich das Musik machen …

Ok, also Musik ist ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musik hilft mir über schwierige Situationen im Alltag hinweg. Musik lässt mich entspannen und mich gut fühlen. Das ist hörenderweise nicht nur elektronische Musik. Ich liebe Reggae, Funk, Jazz und je nach Stimmungslage auch klassische Musik.

Wenn ich im Studio neue Tracks für Realtime produziere, dann muss ich entspannt und innerlich ausgeglichen sein, das geht nicht mal eben so. Jeder Track ist auch ein Spiegel meiner momentanen Befindlichkeit und deswegen lege ich auch Wert darauf alles live einzuspielen, ohne fertige Patterns oder Note Editing. Alles soll so klingen, wie es im Moment des Entstehens geklungen hat. Freilich wird der Mix angeglichen und auch ein Mastering vorgenommen. Aber das war es auch schon.

Wie bist Du zur elektronischen Musik gekommen? Das hört man ja nicht so oft im Radio.

Zur elektronischen Musik kam ich in den neunziger Jahren. Da war Winfried Trenkler mit seiner Sendung „Schwingungen“ auf WDR 1 der Auslöser, und es entstand der Wunsch in mir selber elektronische Musik zu machen. Ich komme ursprünglich vom Klavier und hab auch ein paar Unterrichtsstunden bekommen, aber meine Erfüllung fand ich in der Entdeckung von Synthesizern und ihren unendlichen Möglichkeiten, sich klanglich auszudrücken. Das hat mich bis heute nicht losgelassen und fasziniert mich immer noch wie am ersten Tag

Realtime hat ja nun in den letzten elf Jahren immer mehr Freunde gefunden. Und täglich erreichen mich E-Mails oder auch Nachrichten auf Facebook von Menschen, die mir alle schreiben, dass sie mit meiner Musik einmal abtauchen konnten, und dem Alltag entfliehen. Das freut mich dann immer sehr. Denn das ist es, was ich mit Realtime erreichen möchte — den Hörern entspannte Momente mit meiner Musik zu verschaffen.

Winfried Trenklers Sendung hat anscheinend viele auf den Weg gebracht …

Mit Sicherheit hat Winfried Trenkler eine ganze Musikergeneration beeinflusst mit seiner Sendung. Ich glaube, das geht allen Musikern so die heute aktiv EM machen … zumindest den Reiferen unter ihnen (lach).

 

Dein letzter Auftritt liegt schon was zurück. Wirst Du Magnificent Imaginations in absehbarer Zeit live aufführen?

Das ist mein Wunsch. Leider bin ich jobmäßig sehr eingespannt. Aber ich werde mit Sicherheit in diesem Jahr ein Livekonzert machen. Am liebsten im Bochumer Planetarium.

Arbeitest Du schon an einem neuen Album?

Es entstehen laufend neue Tracks in meinem Kopf und ich muss mich in gewissen Abständen immer mal ins Studio begeben um meinen Kopf wieder freizuspielen. Vieles schlummert dann auf der Festplatte des Mac um irgendwann wieder hervorgeholt zu werden — oder ganz in der Versenkung zu verschwinden. Die wenigsten Tracks entstehen an einem Abend oder in einer Session. Ich brauch immer wieder Zeit dazwischen, um einen Track neu zu bewerten, um ihn dann weiter auszubauen. Oder wie gesagt, er wandert in den Mülleimer. Auch das gibt es (lach)

Vielen Dank, Thomas Bock, für das Gespräch!

Realtime schafft mit Magnificent Imagination ein Album, das sich gleichermaßen in den Hintergrund des Alltags einfügt, wie auch (am besten unter dem Kopfhörer) den Vordergrund für eine bewusste Gedankenreise liefern kann. Thomas Bock ist mit diesem Album ein Schritt heraus aus der Masse gelungen, der vielen seiner Kollegen noch bevorsteht. Die Qualität des Albums überragt seine bisherigen Werke und macht Lust auf mehr. Wir dürfen gespannt sein.

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