Interview: Igor Wroblewski | Antworten im Ambient

„Frühling liebe ich besonders — die am meisten ‚ambiente‘ Jahreszeit“

Wroblewski

Vor ein paar Wochen habe ich eine E-Mail bekommen, in der sich jemand mit dem Vorschlag vorstellte, doch einen Artikel hier zu veröffentlichen.

Der Text hat mich gleich fasziniert, und ich habe spontan zugesagt. Dann haben wir miteinander telefoniert, uns sozusagen fernmündlich „beschnuppert“, und jetzt bekommt Flächenklang mit Igor Wroblewski seinen ersten Co-Autor.

 

Igor, Ambient magst Du sehr, oder?

Definitiv. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass ich wahrscheinlich etwas anderes unter „Ambient“ verstehe als viele Anhänger dieser Musik.

Was verstehst Du darunter?

Für mich ist Robert Schumanns „Manfred-Ouvertüre“ genauso „ambient“ wie die Musik von Pete Namlook oder Brian Eno. Das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Ambient ist für mich: Atmosphäre – Insight – Zu mir selbst finden (und dies hauptsächlich: dank Musik).

Sich selber finden, steht das im Gegensatz zum Ambient wie es z. B. Brian Eno sah, der ja die Menschen mit seiner Flughafenmusik einfach nur „gut fühlen lassen“ wollte?

Sich selber finden: Einklang mit sich selbst bzw. mit der Natur finden. Einklang: Den-(richtigen)-Klang, eigentlich. So sind wir wieder nicht so ganz von der „allgemeinen“ Bedeutung von Ambient entfernt… Und gerade deshalb klassifiziere ich Musik nicht unter: „Symphonisch“ / „Elektronisch„ / „Rock“ usw. usf. Für mich gibt es zwei Sorten Musik: Solche, die für mich besonders klingt, d. h. sie erinnert mich nicht an eine Gruppe Menschen die zusammen musizieren, sondern weckt sofort Kopfkino. Und solche, die dies nicht tut. Die muss ich mir nicht unbedingt anhören. Ich habe es immer geliebt, Gemäldereproduktionen zu meiner Lieblingsmusik anzuschauen. Dann war ich ich selbst – und habe mich dabei sehr gut gefühlt.

Gute Unterhaltungsmusik ist auch gute Musik – ich kann es wahrscheinlich nicht näher beschreiben. ABBA mag ich genauso gerne wie Vangelis. Die Erklärung ist aber wiederum die gleiche: Diese Musik spricht mich an. Die hat Farben. Die spricht in Bildern. Das sind keine zusammen spielenden Menschen, sondern es ist Atmosphäre.

Du bist mit Klassik aufgewachsen.

Ja. Meine ersten Erinnerungen sind: Robert Schumann, Giuseppe Verdi, Alexander Borodin. Zur gleichen Zeit haben meine Eltern Dire Straits oder Electric Light Orchestra gehört. Das hat auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Wie gesagt unterscheide ich sehr ungerne zwischen „Klassik“ und „Pop“ bzw. „Rock“. Vielleicht mag das blasphemisch klingen, aber was soll’s.

Und Du machst auch selber Musik?

Ja. Das ist immer mein größter Traum gewesen – all die Emotionen hervorzurufen, die Leute wie Klaus Schulze, Jean-Michel Jarre und und und hervorrufen können. Ich bin ehrlich gesagt kein Profi-Musiker. Aber wahrscheinlich geht es auch nicht darum, ein Virtuose zu sein. Kraftwerk-Mitglieder sind auch nicht die „besten Musiker“ der Welt, und doch haben sie die Fähigkeit, die Welt aufs Bessere zu verändern! Nicht, dass ich mich mit ihnen vergleiche. Seitdem ich Depeche Modes „Oberkorn“ in der vollständigen 7’40“-Version gehört habe, wusste ich, dass ich das machen will.

Du hast ein Soundcloud-Profil mit Deiner Musik. Hört man dort überwiegend Ambient, oder auch andere Stile?

Schwer zu sagen. Weil ich vorhandene Musik nicht nach Stilen usw. klassifiziere, versuche ich auch „un-stilische“ Musik zu produzieren. Es ist einfach alles möglich. Ich möchte meine Zuhörer überraschen. Ich möchte organische Klänge mit elektronischen Erzeugnissen auf eine „story-telling“-Weise vermischen. Daher auch solche abgefahrenen Titel wie „Fallen Pixel“ oder „Sulphur Spring“. Ich möchte im Stande sein, mit meiner Musik meine Träume zu erzählen und wiederzugeben.

Igor, Du bist von Beruf Philosoph. Wie bist Du dazu gekommen?

Ich hatte immer Fragen. Was wird sein, wenn es mich nicht mehr gibt? Warum ist Unendlichkeit so unheimlich? Warum sind manche Menschen böse? Daher war es ganz logisch, dass ich mich für ein Philosophiestudium entschieden habe. Aber als Studium hat es mich ein wenig enttäuscht. Das ist niemandes Schuld – vielleicht bin ich nur so schrullig. Philosophie kann man aber nicht wirklich studieren. Entweder ist man drin oder nicht.

Warst du „drin“?

Haha, das ist nämlich eine sehr gute Frage. In der akademischen Philosophie bestimmt nicht, obwohl ich glücklich bin, dass ich eine mit „magna cum laude“ bewertete Doktorprüfung abgelegt habe. Und wenn ich meinte, ich hätte eine Einsicht in das „real thing“ gehabt, wäre das sicherlich arrogant. Insofern — ich lasse die Antwort offen.

Viele Menschen suchen Antworten zu diesen Fragen in der Religion. Warum Du nicht?

Erstens bin ich in einer Familie aufgewachsen, für die Religion niemals wichtig war. Das prägt einen schon irgendwie. Meine Eltern haben immer gemeint: „Wenn du dich aus eigenen Gründen und aus freien Stücken entscheidest gläubig zu sein, dann bitte schön. Wir wollen dir nichts aufzwingen“. Für diese Einstellung bin ich ihnen sehr dankbar. Irgendwie hat es sich noch nie ergeben, dass ich nach religiös gefärbten Antworten zu den großen Fragen suchen musste. Daniel C. Dennett schlägt eine wunderschöne Analogie zwischen Religion und einer Perle. Beide Phänomene sind „Antworten“ auf etwas, das stört. Beide können erstaunlich und wunderschön sein. Und beide sind… „bloß“ Nebeneffekte.

Du unterrichtest Philosophie in der Erwachsenenbildung. Hast Du vor, jemals mit Musik Deinen Lebensunterhalt zu verdienen?

Haha, das wäre aber großartig! Natürlich wäre ich überaus glücklich, mit meiner Musik Geld verdienen zu können. Aber ich werde bescheiden bleiben. So viele glanzvolle Künstler waren nicht im Stande, das zu erreichen … wieso sollte ich? Klar, ich bin von der Qualität meiner Musik überzeugt, sonst hätte ich sie nicht so wie sie ist aufgenommen und online gestellt. Auf der anderen Seite weiß ich ganz genau wie viel ich noch nicht kann. Ich versuche also meinen Traum vom Musikmachen zu erfüllen, bin aber dabei sehr vorsichtig und streng mir selbst gegenüber.

Igor, Du hast den Artikel „Ambient, oder das Rauschen der Blätter am Baum“ verfasst, der vor ein paar Tagen hier veröffentlicht wurde. Werden wir noch öfter von Dir hören? Und über was würdest Du gerne schreiben?

Rezensionen. Impressionen. Träume-nieder-schreiben. Ich schreibe viel lieber über meine Bildassoziationen als über bestimmte Synthesizer und Filtertypen. Das muss nicht jedem gefallen, aber die, mit denen ich eine Wellenlänge teile, könnten zufrieden sein!

Gibt es noch etwas, was Dir auf dem Herzen liegt und Du noch loswerden willst?

Das ist wieder eine sehr tiefe und gute Frage. Ich will, dass es allen Lebewesen gut geht. Sehr oberflächlich und DSDS-mäßig vom Statement her, ich weiß. Aber das ist mir wirklich wichtig. Ich versuche nämlich nach dem genialen Prinzip Schopenhauers zu leben: „Versuche niemandem zu schaden, soweit es geht, und allen zu helfen, soweit es geht“. Findest Du nicht, dass unsere Welt ganz großartig wäre, wenn wir alle nach diesem Prinzip lebten …

Vielen Dank für das Gespräch.

Igor Wroblewski auf Facebook
Musik von Igor Wroblewski (Arp Decade) auf Soundcloud

 

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