Ambient, oder das Rauschen der Blätter am Baum

Die Natur wäre im Sinne John Cages der wahre Komponist …

Gastbeitrag von Igor Wroblewski

Der 2012 verstorbene Künstler Pete Namlook (gebürtig Peter Kuhlmann), Gründer des alternativen Labels „Fax +49/69 – 450464“ führte eine spannende Analogie zwischen Natur und der Ambient-Musik an. Betrachten wir den Schatten eines großen Baumes. Es scheint, dass der Schatten die ganze Zeit derselbe bleibt. Schauen wir jedoch genauer hin: Blätter zittern, Äste bewegen sich, Vögel landen und fliegen wieder weg, außerdem ändern sich womöglich die Abschattungen der Grasfarbe … Auch die Grashalme bewegen sich, vielleicht sieht man auch kriechende Insekte … Generell verändert sich nichts bzw. die Änderungen erfolgen langsam, subtil, „analog“. Das heißt aber zugleich, dass gar nichts konstant bleibt und dass es innerhalb des ganzen Bildes von Bewegungen und Schattierungen nur wimmelt.

So hört sich Ambient an. Als eine weitere Analogie bietet sich laut Namlook der Klang der rekurrierenden Seewellen: Eigentlich ist es die gleiche Sequenz, immer wieder, der wohlbekannte Ton. Warum wird diese „Melodie“ trotzdem niemals langweilig? Weil alle Wellen einander ähneln, aber keine zwei identisch hoch, intensiv oder „gekrümmt“ sind. Ja, genau so hört sich Ambient an.

Fotovorschlag (2)_klein

Brian Eno „erfand“ Ambient als er nach einem Autounfall im Krankenhaus lag und Harfemusik im Radio hörte. Die Musik war kaum hörbar, aber der Musiker hatte nicht die Kraft, die Lautstärke aufzudrehen. Er stellte fest, dass die Töne im Radio, die zwitschernden Vögel hinter dem Fenster und weitere Klänge aus der Umgebung sich in eine spezifische Weise miteinander verwebten. Mit einer solchen Tonkulisse fällt es einem schwer festzustellen, an welchem Ort die Grenze zwischen der physikalischen Welt der wahrnehmbaren Klänge und der imaginären Welt der überraschenden Kopplungen von Motiven verläuft. Der Zuhörer ist in der Welt und ist zugleich eine einmalige Welt selbst.

Natur ist nicht perfekt. Und daher ist auch ihre „Musik“ so schön und geheimnisvoll. Die Natur wäre im Sinne John Cages der wahre Komponist, sind doch ihre „Musikwerke“ von individuellem Geschmack, Tradition oder Erinnerung total frei! Die wahre Schönheit und Originalität des Ambient manifestiert sich dadurch, dass – wie Eno es in Erinnerung hatte – der Zuhörer die Orientierung verlieren kann, welche Klänge von der Natur selbst kommen und welche dazu vom Künstler „hinzu-komponiert“ wurden. Außerdem ist es nicht schwer, die Ambient-Töne einfach verklingen zu lassen, ohne dass sie wirklich wahrgenommen werden, so wie das Summen einer Lampe, dessen Existenz man bewusst wird, sobald sie aufhört.

Fotovorschlag (1)_kleinAmbient ist vor allem Struktur, Prozess, Wiederkehr (aber keine einfache Wiederholung). Natürlich hat jedes von einer CD abspielbare Ambientstück einen „Anfang“ und ein „Ende“, dies sind aber rein formale Markierungen, erzwungen von Begrenzungen des Speicherplatzes auf dem Audioträger. Einige der Kompositionen, die in Pete Namlooks Label veröffentlicht wurden, sind „Ausschnitte“ aus viel längerer Entitäten, die bis hin zu einigen Stunden dauerten (ein fantastisches Beispiel ist die CD „Recurring Dreams Of The Urban Myth“, 1994, von Chris Meloche: Der Liveakt, aus dem der 74-minütige Track „Loop 6“ herausgeschnitten wurde, dauerte 6 Stunden). Auf diese Weise begibt sich der Ambient-Enthusiast auf parallele Reisen zur gleichen Zeit: Eine startet mit den ersten Klängen des Tracks und endet mit dem endgültigen fade-out oder dem finalen Akkord. Eine andere dagegen wirft den Empfänger in ein Universum, von dem er nicht weiß, seit wann es existiert und wie lange es noch zu dauern vermag. Das, was man als Prolog empfindet, ist vielleicht eigentlich der Anfang des Epilogs; das, was man als Leitmotiv empfindet, ist vielleicht eine plötzlich entdeckte, erfreuliche Abzweigung vom üblichen Weg. Wieder wie in der Natur halt – wenn wir durch eine uns noch nicht bekannte Parkanlage, am besten aber gleich durch eine noch unentdeckte Waldecke herumirrt und ihre Klangfarben zu einer anfangs- und schlusslosen „Atmosphäre“ zusammen bildet.
Und warum gibt es so viele Musikliebhaber, die eins entschlossen vorwegnehmen „Ich lehne elektronische Musik ab, weil sie unnatürlich ist“? Kurz auf den Punkt gebracht. Leider falsch. Von den Parallelen zwischen Elektronik und Natur wimmelt es nur.

Fotovorschlag (5)_kleinJeder Mensch funktioniert anders, hört anders, ja horcht anders. Und gerade deswegen – nicht „trotzdem“ – wäre es bestimmt eine interessante Idee, Ambient-Musik als „Vorstellungskraftförderer“ auszuprobieren. Denn das muss nicht einmal ein fertiges Album von Brian Eno, Pete Namlook, Chris Meloche oder wem sonst noch sein. Es darf – und vielleicht: es soll – ein Spaziergang mit „spitzen Ohren“ sein, eine Jagd auf Klänge, die sich zu unvorstellbar komplexen, schönen und inspirierenden Entitäten zusammen mischen. Ein raumzeitlicher Ausschnitt der Welt, den ein Zuhörer hier und jetzt wahrnimmt, ist ein gewisses „Musikstück“, in dessen „Entstehen“ Naturgesetze und Zufall eine gleich große Rolle spielen, in dem gewisse Klänge außerhalb des Zuhörers, also „objektiv“, existieren, deren Zusammenhang allerdings ein Produkt der individuellen Empfindlichkeit ist. Wo ist die Grenze zwischen existierendem und erfundenem Klang? Wo ist die Grenze zwischen Natur-, Zivilisations- und „Imaginations“-Klang? Vorstellung ist nicht bloß eine geschwächte Wahrnehmung: Sonst wäre die Wahrnehmung eines leisen Tons von der Vorstellung eines lauten Tons nicht zu unterscheiden.

Ein Wechselspielraum für Tonwahrnehmungen und Tonvorstellungen scheint im Fall des Ambient besonders groß zu sein.

 


Dies ist ein Gastbeitrag von Igor Wroblewski.

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