Die traditionelle elektronische Musik ist tot. Fast …

Das hier ist kein Verriss. Ich schreibe keine Verrisse. Das hier ist ein Weckruf.

Avatar 2015-01-25Seit knapp einem Jahr gibt es Flächenklang, und seitdem steigen die Zugriffszahlen stetig an. Hatte ich aber schon mal erwähnt. Ich will das Thema auch gar nicht weiter stressen. Was ich sagen will ist, dass sich das mit diesem Artikel erstmals ändern könnte. Aber eines nach dem anderen.

Einer meiner Grundsätze für Flächenklang ist: Ich schreibe für den Zuhörer, nicht für den Musiker. Ich schreibe über Empfindungen, Botschaften, Gefühle in der Musik, nicht über Synthesizer, Effektgeräte oder symmetrische Kabel.

Heute spreche ich erstmals die Musiker an.

Ein anderer Grundsatz ist: Ich schreibe keine Verrisse. Ich schreibe nur über Musik, die mich berührt. Wie sollte ich auch über Musik schreiben, die mich nicht berührt, und trotzdem authentisch bleiben? Bedeutet das nun, dass nur die hier besprochene Musik mich berührt und der Rest ist Mist? Nein. Das bedeutet, dass ich nicht das Maß aller Dinge bin (und auch gar nicht sein will, obwohl ich manchmal so wahrgenommen werde) und dass ich es oft einfach nicht schaffe über Musik zu schreiben, obwohl sie mich berührt. Es ist ein schlichtes Zeitproblem. Also, keine Verisse. Mache ich nicht.

Das hier ist kein Verriss. Es ist ein Weckruf.

Also, worum geht es dann? Es geht um ein paar offene Worte. Ganz einfach. Der Untergang des Abendlandes ist auch in der kleinen, ja geradezu winzigen Szene der traditionellen elektronischen Musik zu erkennen. Und überhaupt, warum ist diese Szene eigentlich so klein geworden? Die war mal deutlich größer. Es gibt da viele Antworten drauf. Aber die spielen alle nur über den einen wirklichen Grund hinweg. Die Musik in der Szene ist langweiliger geworden. Gleichzeitig wird sie vollmundiger angekündigt. Wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Und wer den Mund auf macht und auf den Kaiser zeigt, der wird schon mundtot gemacht noch bevor er „nackt“ sagen kann. Tja, nun ist es raus.

Wie ich darauf komme? Nun, das erste mal bin ich darauf gestoßen, als ich vor fünf oder sechs Jahren nach einem vorgeblich gemeinsamen Projekt von Jean-Michel Jarre und Vangelis gesucht habe. Ich wurde tatsächlich fündig. Ich fand über 47.000 Videos die Musik von Jean-Michel Jarre zusammen mit Vangelis anboten! Da hatte ich mich aber gefreut. Das war ja gar nicht so schwer, dachte ich. Dann klickte ich mich durch die Videos, und wurde massiv enttäuscht. Es war Musik die man maximal noch „inspiriert“ von Jarre und Vangelis nennen könnte. Allerhöchstens. Das stand aber nicht in den Beschreibungen. Da war immer nur von neuer Musik der beiden die Rede. Aber nach wenigen Minuten war klar, das war niemals Musik von den beiden angekündigten Künstlern. Woran ich das erkannte? Ganz einfach:

In einer Minute Musik von Vangelis oder Jean-Michel Jarre stecken mehr Ideen, als in allen diesen tausenden Filmchen.

Die Autoren dieser „Musik“ haben einfach die bekannten Sounds kopiert, ob am Synthesizer oder am Sampler, das ist egal, und haben immer wieder die Elemente aus der Musik von den Beiden wiederholt, verlängert, und, man kann es gar nicht anders sagen: ausgeschlachtet. Ewig langatmig immer die gleichen Sounds, Effekte und simplen Phrasen. Manche hatten sogar den Nerv, die gleichen fünf oder sechs Elemente immer wieder neu angeordnet, als immer wieder neue Werke zu verteilen! Hallo? Dabei kann (!) man tatsächlich Musik inspiriert von Jean-Michel Jarre machen, ohne einfach ein Remix seiner beliebtesten Sounds immer und immer wieder zu wiederholen. Das haben Stefan Paulus und Tom Kassner mit ihrem Album Equinox 2 aufs Angenehmste bewiesen.

Dabei ist es nicht mal die schwache Umsetzung der Jarre-Klänge zu etwas, das Musik genannt werden soll, die mich so aufregt. Es ist der dreiste Anspruch Musik geschaffen zu haben, um dann im Fahrwasser eines Künstlers Klicks einzusammeln. Als Gipfel der Unverschämtheit wird jeder Klick auf ein solches Video, das ja nichts anders ist als ein Betrug am naiven Zuhörer, denn der hat nach etwas ganz anderem gesucht, also jeder Klick auf ein solches Video wird vom „Künstler“ als Erfolg für „seine Musik“ gewertet. Geht’s noch?

Musiker „von eigenen Gnaden“.

Tangerine Dream wurden im WDR Anfang der 1970er-Jahre in einer Sendung über den aufblühenden Krautrock mal mit dem Satz zitiert „… und die Suche nach einer neuen Musik, die ihren eigenen Fähigkeiten entsprach“. Was in etwa so viel bedeutet wie, die können nicht spielen, sie tun es trotzdem. Und das mag ja auch eine lobenswerte Eigenschaft sein. Der Punk hatte es ihnen ja vorgemacht. Trotzdem galt die „Musik“ von Tangerine Dream und Klaus Schulze damals schlicht als unmotiviertes Gedudel.

Ich weiß nicht woran es lag, aber der Krautrock hat sich entwickelt. Aus dem Wunsch, ein Instrument mit dem Herzen zu beherrschen, haben die damaligen Akteuere der Szene großartige Werke geschaffen, die meiner Meinung nach durch reine geschulte Spieltechnik nicht so entstanden wären. Was den Akteuren damals an Fingerfertigkeit mangelte, haben sie mit Herzblut und Experimentierfreude wieder wett gemacht. Die Musik aus der Zeit spricht sicherlich nicht jeden an. Aber wen sie anspricht, den lässt sie ihn nie wieder los. Mich zum Beispiel.

Und heute, wo das Abendland untergeht? Da werden die Zutaten dieser musikalischen Vorbilder genommen — Sequenzer, Synthesizer, Drum-Computer, Echo, Hall, Phaser und Flanger — und dann kopiert man, was man gehört hat. Das Einzige, was nicht kopiert wird, ist das Herzblut der Pioniere. Und ich erlebe dasselbe wie bei den Filmchen mit Musik von Jarre oder Vangelis. Die immer gleichen Komponenten werden immer wieder durcheinander gewirbelt, mal so rum, mal anders herum, und dann als CD veröffentlicht. Das reicht aber nicht.

In einem Album von Klaus Schulze stecken mehr Ideen, als in den meisten Neuveröffentlichungen der Szene dieses Jahres zusammen.

Der Krautrock war damals neu. Das galt für die Klänge, wie auch für die Musik. Es galt sich auszudrücken. Heute scheint das anders. Heute reicht es anscheinend, zu klingen wie damals.

In einem anderen Artikel hier schrieb ich mal:

„Mancher Künstler erliegt dem Charme seiner Instrumente, verliert sich in den Sounds seiner handverlesenen Synthesizer, verwechselt hypnotische Sequenzen mit monotonem Gedudel und sieht sich mit seinem über alles schwebendem motivationslosem Herumgeeiere auf der Tastatur in der Tradition eines Jimi Hendrix oder Keith Emerson. Dabei hat er offenohrig „alle Hände voll“ [Sic!] damit zu tun, den einen, das ganze Stück über wie an den Keyboardständer festgeschweißten, Akkord nicht zu verfehlen. Tonartwechsel scheinen nämlich in etwa so beliebt zu sein wie ein Pickel auf der Nase. Oder ein Bußgeldbescheid. Oder Stromausfall während des Endspiels. Ich denke der Punkt ist klar geworden.“

Das ist letztlich alles nicht so schlimm. Man kann das durchaus machen. Man kann das durchaus gerne machen, auch ohne weiteren Anspruch. Man kann damit durchaus viele Zuhörer haben. Was man damit nicht kann ist, so zu tun als stände man in einer Reihe mit Edgar und Klaus. Oder als deren legitimer Nachfolger. Es gilt immer noch der Grundsatz:

Wer mit den großen Hunden pinkeln will, muss auch das Bein heben können.

So, das wäre ich jetzt erst mal los. Und jetzt? Naja, als ich vor einem Jahr endlich mit Flächenklang anfing hatte ich einen hoffnungsvollen Gedanken im Hinterkopf. Die Idee war: Wenn wir uns immer nur mit dem Mittelmaß umgeben, werden wir nicht darüber hinauswachsen. Umgeben wir uns aber mit Exzellenz, stufen wir unser eigenes Werk vielleicht realistischer ein, und recken uns nach Höherem.

Nun, mein Experiment scheint mir gründlich schief gegangen zu sein. Das Abendland geht unverändert unter. Die Verkaufszahlen der CDs erreichen selten mehr als 100 Stück, Konzerte werden überwiegend von weniger als 100 Leuten besucht (selbst wenn der Eintritt nichts kostet!). Einst große Festivals haben heute kaum mehr als 200 Besucher. Manche sagen, hey, das ist doch toll! Andere aber erinnern sich an Konzerte mit tausend oder mehr Besuchern. Und damit meine ich nicht mal ein Konzert mit Tangerine Dream die gerne auch mal 3.000 Besucher am Abend haben. Und zwar in jeder einzelnen Stadt in der sie auf ihrer Tournee spielten.

Ein anderes Beispiel. Als Winfried Trenklers Sendung Schwingungen vom WDR im Rahmen einer Programmreform eingestellt wurde, hat Trenkler seine Sendung kurzerhand auf CD herausgebracht. Er hatte aus dem Stand 1.000 Abonnenten, die jeden Monat die neuste CD „Winfrid Trenkler präsentiert: Schwingungen – Radio auf CD“ haben wollten. Und dafür bezahlten! Ein Jahr später waren es 1.500 Abonnenten.

Was hat sich geändert seitdem? Nun, da gibt es viele Meinungen. Ich denke, der Grund ist darin zu suchen, dass wir seit dieser Zeit in die gleiche Suppe immer wieder nur Wasser hinzufügen. Aber nichts mehr mit Geschmack. Kein Wunder also, dass immer weniger diese Suppe auslöffeln wollen.

Muss ich jeden Blubb meines Synthesizers auf CD herausbringen? Nein, muss ich nicht. Ich kann, ich muss aber nicht. Nur wenn ich es tue, und das Echo bleibt mau, dann sollte ich nicht gleich den Untergang der Szene heraufbeschwören. Dann sollte ich nicht andere für das schlechte Verkaufs-Ergebnis verantwortlich machen, die ungünstigen Umstände, oder mangelnde Promomöglichkeiten, oder sogar die dummen Kunden. Ich würde mir erst mal mein eigenes Album mit den Ohren eines Kunden anhören. Also jemanden, von dem ich zehn Euro oder mehr für meine CD verlange.

Ich kann mein eigenes Werk als relevant einstufen. Und wenn das andere auch tun, um so toller. Wenn sie es aber nicht tun, wessen Schuld ist das dann?

Ich habe meinen Gründungsgedanken vom Mai 2014 noch nicht aufgegeben. Wenn wir als Musiker uns an den Großen in der Szene orientieren, dann werden wir immer bessere CDs mit immer besserer Musik produzieren. Wer sind diese Großen, von denen ich hier spreche? Das ist unterschiedlich, wenn nicht gar für jeden anders. Aber, wenn wir unsere Werke realistisch einschätzen, werden wir uns verbessern. Wenn wir bessere Musik machen, wenn wir mehr Ideen wagen, unser Herzblut einbringen und den Mut haben etwas zu verwerfen, das nicht unseren neuen Standards entspricht, dann werden wir mehr Erfolg haben.

Und dann werden wir nach größeren Räumen suchen müssen, um darin zu spielen. Ich finde, das ist doch ein schönes Problem, um das man sich mal kümmern möchte, oder?

Peace!
Tom von Flächenklang

PS: Oft fühlen sich die Menschen von negativer Kritik angesprochen, die gar nicht gemeint sind.
PPS: Oft fühlen sich die Menschen von negativer Kritik nicht angesprochen, die es besser sein sollten.
PPPS: Oft versteht jeder nur was er will. Um aber zu verstehen was ich will, muss man schon den ganzen Text lesen. Auch den Teil, den man nicht sofort versteht …


Update 18:01 Uhr: Link zu einem Interview über Equinox 2 mit Stefan Paulus und Tom Kassner auf Amazona.de an der genannten Stelle eingefügt.

Nachtrag: Hier habe ich Reaktionen auf diesen Artikel mit Quellangaben zusammengefasst.

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