Interview | Sylvia Sommerfeld zur Schallwelle 2014

„Elektronische Musik ist so komplex mit ihren unzähligen Spielarten, und somit auch aufregend und interessant. Solch einem Musik-Genre muss unbedingt eine große Aufmerksamkeit geschenkt werden“. Am 21. März 2015 ist es wieder soweit. Zum siebten Mal wird vom schallwende e. V. die „Schallwelle“, der deutsche Preis für Musiker, Musikerinnen, und Aktive im Bereich der elektronischen Musik, für Werke und Leistungen im Jahr 2014 verliehen.


DSC00157Ich war spät, die Veranstaltung hatte schon angefangen. Meine billige Navi-App hatte zwischenzeitlich schwere Zweifel darüber, was genau ich mit der Ortsangabe „Planetarium Bochum“ meinen könnte, und brachte mich mal nach da, und dann wieder nach dort, und behauptete jedes Mal „Sie haben ihr Ziel erreicht. Das Ziel befindet sich auf der rechten Seite“. Aber auf der rechten Seite war erst ein Kiosk, dann eine Tankstelle, und dann ein Abstellplatz für Glas- und Papiercontainer. Aber nirgendwo ein Planetarium. Ich war mir sicher, dass ich eines erkennen konnte wenn ich es sah. Und weil ich das erste Mal zur Preisverleihung der Schallwelle fuhr, konnte ich der amoklaufenden Software auch keine Hilfen geben. Dann tauchte die markante Kuppel im Bochumer Nachthimmel auf. Der Parkplatz war voll, und ich musste mein Auto an eine halblegale Stelle ankuscheln. Licht aus, zwei-drei tiefe Atemzüge zur Beruhigung, Kamera und Jackett gegriffen, und ich machte mich daran die Stufen zur Schallwelle zu betreten.

Innen waren nur sehr wenige Menschen auf den Gängen. Buffetreste wurde abgeräumt, Tische und Stühle wieder arrangiert. Hier war gerade noch viel los. An den Wänden hingen Fotografien von Himmelskörpern aller Größe, die Türen in die Kuppel hinein waren zu. Jemand kam rasch herbei und zeigte mir gleich eine Möglichkeit unbemerkt in den Saal zu schlüpfen. Und dann war ich drin. Unter der großen Kuppel waren fast alle Plätze besetzt. Ich drängelte mich zwischen die Reihen und setzte mich. Auf einer Bühne wurden gerade die Nominierten in der Kategorie „Bestes Album national“ vorgelesen, und mit dem Sternfeld-Projektor in die Kuppel projiziert. Der Gewinner war Loom. Applaus brandete auf. Das Trio  bekam den Preis für ihr Album „Scored“. Ich war da wo ich hin wollte, zur Schallwelle-Preisverleihung 2012.

Die Schallwelle-Preisverleihung ist einer der größten Events in der Szene der traditionellen Elektronischen Musik in Deutschland. Verliehen wird der Preis vom schallwende e. V., und die Vorsitzende Sylvia Sommerfeld hat sich vor ein paar Tagen bereit erklärt mir ein paar Fragen zu beantworten.

2013-schallwelle-078

Sylvia, die Schallwelle-Preisverleihung findet 2015 zum fünften Mal im Planetarium in Bochum statt. Woher kam die Idee dazu?

Wir haben als Verein immer schon Preise vergeben, aber in einem ganz anderen Rahmen. Es gab am Anfang vier Kategorien: Musiker, CDs (Alben), Neulinge und Cover, anfangs auch schon mal Titel.

In welchem Rahmen war das?

Es waren damals noch „reine“ interne schallwende-Wahlen, das heißt nur schallwende-Mitglieder durften wählen. Wir haben diese Preisverleihungen seinerzeit immer im Bürgerhaus-Oststadt in Essen-Eiberg veranstaltet und zwar immer verbunden mit einem Konzert. Zwischen den Stücken wurden die ersten Preise verliehen, und nach dem Konzert wurde dann immer der Musiker des Jahres gekürt. Da gab es nur einen und nicht wie heute, jeweils einen Preis für nationale Musiker und Alben. Nur beim Neuling gab es schon immer „nur“ einen. Getreu dem Motto: Es kann nur Einen geben.

Heute haben wir hochwerte Glas-Quader als Schallwelle-Preise, die uns die Firma 3d-scan-Project aus Essen in den Anfangsjahren gesponsert hat. Außerdem sponsert uns jetzt bereits zum 7. Mal die Firma interdisc media den Neulingspreis. Der Neuling des Jahres bekommt neben der Glas-Schallwelle eine schöne, gerahmte Urkunde von interdisc, die mit einer garantierten CD-Pressung verbunden ist. Das ist  immerhin ein Wert von etwa 500 Euro.

Wann habt ihr das geändert?

Nach den letzten schallwende-Wahlen im Jahre 2008 haben Stefan Erbe und ich uns seinerzeit zusammen gesetzt, um zu beratschlagen, ob und wie man den Wahlen mal „frischen Wind“ einhauchen könnte. Und dabei entstand das heute noch verwendete Konzept.

DSC08486Heute kann jeder Künstler den Preis bekommen, egal ob schallwende-Mitglied oder nicht. Wie funktioniert die Wahl? Wer kann sich zur Wahl stellen, und wie macht man das?

Also zunächst einmal sieht es wie folgt aus: Jeder der im jeweiligen Jahr — jetzt werden ja die Preise für 2014 vergeben — etwas veröffentlicht hat oder aber live aufgetreten ist, wird in der Regel berücksichtigt. Natürlich soll die Veröffentlichung nicht nur ein kurzer Soundclip im Internet sein, sondern es sollten mindestens 30 Minuten Musik sein. Auch sollte das Live-Konzert nicht spontan im heimischen Wohnzimmer mit der Familie stattgefunden haben, sondern schon ein Konzert/Auftritt gewesen sein, der auch für die Öffentlichkeit zugänglich war.

Es muss also nicht unbedingt eine physikalische CD-Veröffentlichung sein, sondern ein Download-Album z. B. bei Bandcamp gilt auch?

Ja, es könnte auch ein Download-Album sein. Es kann natürlich mal sein, dass wir irgend eine Veröffentlichung übersehen, irren ist menschlich. Und es passiert ja auch sehr viel in einem Jahr. Darum stellen wir die Liste ja auch vor der Wahl ins Netzt, damit auch jeder kontrollieren kann, ob er auch berücksichtigt wurde.

Der schallwende-Verein stellt also eine Liste aller ihm bekannten Veröffentlichungen zusammen, und macht sie öffentlich. Dann können nicht berücksichtigte Veröffentlichungen benannt, und hinzugefügt werden?

Nein, nicht der schallwende-Verein fertigt die Listen an, sondern eine Jury. In diesem Jahr waren wir zu Zehnt. Wir arbeiten da sehr gut und konstruktiv zusammen. Meist erstelle ich die Anfangsliste, es kommen da schon meist über 100 Alben zusammen. Da mache ich mir wirklich immer die Mühe, zunächst bei allen Labeln nachzuschauen, was diese im jeweiligen Jahr veröffentlicht haben und sammle diese Daten dann. Eigentlich fragen wir immer so im Oktober bei den Labeln an mit der Bitte um Mitteilung ihrer Veröffentlichungen, aber die Meisten antworten nicht. Na, egal. Wenn „meine Liste“ dann fertig ist, schicke ich sie in die Juroren-Runde mit der Bitte um Ergänzung, Streichung oder Ähnlichem. Über einige Dinge diskutieren wir dann teilweise auch sehr hart. Wie z. B. in diesem Jahr: Gehören Pink Floyd und Schiller auf diese Liste …

Und? Gehören sie?

Da Pink Floyd ja letztendlich unter die Top 5 gekommen ist — Ja! Und auch Schiller war ein unbedingtes Muss. Für uns Juroren haben Pink Floyd mit „Endless River“ die elektronischste Platte von ihren ganzen Veröffentlichungen abgeliefert. Da waren wir uns recht schnell einig.

2013-schallwelle-060Was ist das Argument gegen Pink Floyd, Schiller und Co.?

Mainstream, nicht wirklich EM, da viele Gesangspassagen, Pop-Musik. Aber wo zieht man da die Grenze? Das Spektrum der EM ist so vielseitig, dass es wirklich schade wäre sich nur auf die „Berliner Schule“ zu fokussieren. schallwende heißt ja nicht umsonst schall-wende. Der Name wurde 1998 ja mit Bedacht gewählt, man sollte sich auch hin-wenden, zu anderen Spielarten der Elektronischen Musik.

Habt ihr schon mal einen Künstler wie Schiller einen Preis verliehen, und der war dann auch bei der Preisverleihung da?

Nein, leider! Der „berühmteste“ anwesende Preisträger war 2010 Manuel Göttsching. Er hat tatsächlich den Lebenswerk-Preis für Ashra persönlich in Empfang genommen, und hinterher noch alle Fans mit einem Kurz-Konzert von etwa einer halben Stunde überrascht.

Klaus Schulze hat 2011 dann noch ganz kurz (am Tage der Preisverleihung) abgesagt, weil er in einer CD-Produktion steckte. Aber glücklicherweise konnte ich, Dank des Planetariums-Technikers Klaus-Dieter Unger, dann letztendlich noch ein Telefoninterview mit Klaus Schulze führen, das wurde dann live in die Kuppel übertragen.

DSC08490Wie kommt die Liste der fünf Nominierten in jeder Sparte, und den drei Newcomern zustande? Wer wählt die aus, und nach welchen Kriterien?

Gewählt wird von einer Jury, und allen die an der öffentlichen Wahl im Internet teilnehmen. Sowohl die Jury, als auch die „Internet-Gemeinde“ wählt in vier Kategorien, das sind: Musiker national und international, sowie CDs/Alben national und international. Der Neuling und auch der beste Titel, den wir in diesem Jahr übrigens zum ersten Mal bei den Schallwelle-Wahlen ausloben, wird allein von der Jury ausgewählt.

Stefan Schulz, „Mr. Syndae“, hat seinerzeit eigens ein Programm für diese Wahlen geschrieben, in dem es auch um die Gewichtung der Voten zwischen Jury und Internetwählern geht, das hat bisher auch immer gut funktioniert. In den ersten 3 Jahren haben wir immer noch „händisch“ ausgezählt und die IP-Adressen verglichen, damit nicht so viel „Schmu“ gemacht werden konnte. Das war natürlich für meinen Mann Klaus-Ulrich, Stefan Erbe und mich immer eine Heidenarbeit. Zum Glück geht das ja nun alles automatisch, und Stefan Schulz überwacht auch die Wahlen sehr akribisch. Er hat unser absolutes Vertrauen.

Wie sind die Stimmen gewichtet? Jury und Internet je 50%, oder anders? Warum überhaupt zwei Quellen? Man könnte doch auch nur Jury oder nur Internet abstimmen lassen.

Warum 2 „Quellen“? Ganz einfach,. Die Wahlen sind vieeeeel aussagekräfiger, wenn — wie in diesem Jahr —knapp 2.300 Wähler mitgestimmt haben, plus die 10 Juroren. Über die genaue Verteilung kann ich leider nichts sagen, da ich nicht so ein Mathe-Genie bin. Da müsstest du dann bitte mal mit Stefan „Syndae“ Schulz sprechen.

(Ich habe die Frage dann an Stefan weiter geleitet, und er antwortete prompt: „Die Wähler- und Jurorenstimmen gehen normiert zu je 50% in die Endwertung ein.“)

2013-schallwelle-069Wer sucht den Sonderpreis aus, und nach welchen Kriterien wird der vergeben?

Der Sonderpreis wird von meinem Mit-Organisator und Moderator Thomas Gonsior und mir der Jury vorgeschlagen. Bis dato waren diese Votings immer einstimmig.

Im letzten Jahr hat John Kerr den Sonderpreis bekommen. Übrigens hatte John bis dahin bestimmt schon 10 Jahre lang musikalisch überhaupt nichts mehr gemacht, da er ja sehr krank war, bzw. noch ist. Aber diese Ehrung im letzten Jahr hat ihn so beflügelt, dass er sich inzwischen wieder viele Geräte zugelegt hat. Wer weiß, vielleicht werden wir ja John Kerr auch mal wieder „live on stage“ erleben dürfen.

Die Ehren-Schallwelle für das Lebenswerk geht im Jahr 2014 an Edgar Froese

Das stand aber schon vor dem 20. Januar fest, oder?

Ja, absolut. Das habe ich Edgar schon im Juni 2014 bei seinem Konzert in Köln mitgeteilt. Leider haben sich die Umstände nach seinem plötzlichen Tod ja jetzt geändert. Aber nach kurzer Diskussion im Juroren-Team und auch mit Winfrid Trenkler, der den Schallwelle-Preis ja seit dem 1. Tag immer begleitet, haben wir uns entschlossen, Edgar auf jeden Fall mit dem Lebenswerk-Preis auszuzeichnen. Nur jetzt leider posthum.

Hinter den Kulissen arbeiten wir schon mit Hochdruck an einem „Rahmen“ in dem wir Edgar würdigen. Wir werden ihn sicherlich gebührend würdigen und seiner gedenken. Aber die Schallwelle-Preisverleihung wird nicht eine „Trauerfeier“ für Edgar Froese werden, darin waren wir uns alle einig und sicher.

Ist schon klar, wer den Preis für ihn in Empfang nehmen wird?

Nein, noch nicht. Aber ich habe seine Witwe Bianca Acquaye-Froese und auch seinen Sohn Jerome eingeladen. Je nachdem, wie sie sich bis dahin fühlen, werden sie entscheiden ob sie kommen oder nicht. Auch für uns heißt es also abwarten. Falls weder Bianca, noch Jerome kommen können, werden wir Thorsten Quäschning bitten, den Preis an Familie Froese weiterzuleiten. Schließlich ist Thorsten ja seit fast 10 Jahren festes Mitglied bei Tangerine Dream. Thorsten gibt ja, neben René Splinter aus den Niederlanden, auch ein ca. 45-minütiges Konzert während der Preisverleihung.

2013-schallwelle-076Zur Jury. Kann man sich zur Jury bewerben, oder steht die fest? Wie ist die Jury aufgebaut?

Nö, bewerben eigentlich nicht. Die Jury wurde bisher immer von Stefan Erbe und mit bestimmt. D. h., Stefan und ich haben all diejenigen ins Jury-Team berufen, die sich um die Verbreitung, der EM, kümmern. Sei es in Podcasts, Radiosendungen, die es früher auch mal gab, Konzerte veranstalten und „EM-Fach-Journalisten“, wie z.B. Stephan Schelle.

Wir hatten jetzt 6 Jahre lang immer dieselbe Jury und da sich die Musikgeschmäcker ja meist auch nicht so ändern, könnte das zu „Abnutzungserscheinungen“ führen. Und um genau dem vorzubeugen, haben Thomas und ich uns bereits nach den letzten Wahlen bei der Analyse dazu entschlossen, im 7. Jahr das -Jury-Team mal ein wenig auszutauschen, damit wieder frisches Blut in die „alteingesessene -Jury-Familie„ kommt. So haben wir im letzten Sommer dann zu einigen „alten Hasen“ auch noch nach neuen, qualifizierten Mit-Juroren gesucht. Gefunden haben wir Personen, die sich alle bestens mit der Elektronischen Musik auskennen, da sie Hardcore-Fans sind, die fast auf keinem Konzert fehlen, oder aber auch bestens in der EM-Szene vernetzt sind, auch wenn sie nicht unbedingt zu den „Machern“ zählen.

Ausgenommen in der Jury sind Musiker. Wir möchten ja niemanden in die Bredouille bringen, dass ein Musiker seine(n) Kollegen bewerten, bzw. beurteilen muss. Das fänden wir nicht fair!

Letzte Frage: Sylvia, was bedeutet Dir der Schallwelle-Award?

Mir persönlich bedeutet er nur so viel, dass Stefan Erbe und ich vor nunmehr 8 Jahren etwas großes für die EM-Szene auf den Weg gebracht haben. Schön, dass sich diese Idee inzwischen so festgesetzt hat und zu seiner einer „Hausnummer“ in der Elektronik-Musik-Szene geworden ist. Inzwischen ist der Schallwelle-Preis sowohl national, als auch international bekannt und geachtet, so dass wir uns über Zuspruch nicht beklagen können.

Ich bin froh somit meinen kleinen Beitrag für die Elektronik-Musik-Szene geleistet zu haben. Aber ich verbinde damit auch ganz klar die Hoffnung, dass die EM endlich aus ihrer Nische herauskommt und das Gehör bekommt, das sie meines Erachtens unbedingt verdient. Wenn das endlich mal so sein sollte, dann sind all meine Träume die ich vor rund 18 Jahren hatte, als ich mit der Arbeit rund um die Elektronische Musik begann, in Erfüllung gegangen. Elektronische Musik ist so komplex mit ihren unzähligen Spielarten, und somit auch aufregend und interessant. Solch einem Musik-Genre muss unbedingt eine große Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Ich danke Dir Sylvia für das Gespräch, und ich freue mich auf die diesjährige Preisverleihung im Planetarium Bochum.


Wie Sylvia mir am Rande des Gespräches mitteilte, sind nur noch wenige Karten für die Preisverleihung zu bekommen. Wer daran teilnehmen möchte, sollte sich also möglicherweise schnell entscheiden und eine der begehrten Karten reservieren lassen. Wir sehen uns dann in Bochum.

Ich kenne ja jetzt den Weg …

Karten für die Preisverleihung am 21. März 2015 sind erhältlich über das Planetarium Bochum.
Mitglieder des schallwende e. V. wenden sich bitte per E-Mail an Sylvia Sommerfeld.

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des schallwende e. V.

1,149 total views, 1 views today