EFSS | Night on Ouddorp

Manchmal stehe ich vor meinem CD-Regal und habe Lust auf einen kleinen kulinarischen Audio-Happen. Und mein Finger geht suchend die Reihen der Tonträger entlang …

Night600_m… bis ganz nach unten. Dann gehe ich einen halben Schritt zurück, und frage mich was ich überhaupt haben möchte.

Ich mag Step-Sequenzer, gerne gewürzt mit detailreichen Echo-Effekten. Ich mag analoge Synthesizer, breit und deftig. Mit viel Geschmack dran. Ich mag raffinierte Zutaten, Hall an ungewöhnlichen Stellen, ungehörte Kombinationen von altbekannten Klängen. Ich mag es wenn ich mit Kleinigkeiten überrascht, und mit wohl Bekanntem verwöhnt werde. Und ich mag es, wenn im Laufe des Musikmenüs nicht immer das Gleiche unterschiedlich angeordnet serviert wird. Ich mag Abwechslung, aber keine Ausreißer.

Ich geb’s ja zu. Ich bin ein verwöhntes Blag.

Und noch etwas gebe ich zu. Obwohl ich genau weiß was ich mir wünsche, bin ich nicht mal selber in der Lage solcherart Klang-Schmaus zu bereiten. Ein Teil fehlt mir nämlich. Eine Zutat, an deren Beschaffung ich immer wieder scheitere. Denn neben den überall im Handel erhältlichen Sequenzern und Echopedalen, Synthesizern und Hallgeräten fehlt mir der Schuss Genialität. Der Mut etwas so zu machen wie die Anderen, aber dann doch etwas anders. Diese Winzigkeit, die aus den üblichen und leicht zu beschaffenen Zutaten etwas werden lässt das Leute wie ich gerne hören wollen. Wofür sie bereit sind Geld auszugeben, um es im CD-Regal stehen zu haben.

Seit mehreren Wochen nun gehe ich mit Night on Ouddorp von Jörg Erren, Bert Fleißig, Jochen Schöttler und Christian Steffen schwanger. Habe Assoziationen in mir schwingen lassen (Node 2), habe Verbindungen gesucht und mich am Sound erfreut. Ich mochte das Album gleich. Aber ich wusste nicht warum. Also klopfte ich mit ein paar Fragen unterm Arm bei Jörg Erren an. Und jetzt weiß ich es …

Jörg, wer sind Erren, Fleißig, Schöttler und Steffen?

Vier Leutchen in den „besten Jahren“ (hahaha!), also zwischen Anfang 40 und Anfang 50, die sich über das Synthesizerforum von Moogulator kennengelernt haben. Wir wohnen nicht sooo weit voneinander weg, und dann hat sich schon mal das ein oder andere Treffen ergeben („Kann ich bei dir mal den Andromeda testen?“ oder so was). Außerdem gibt es das jährliche Modularsynth-Treffen „Happy Knobbing“ in Fischbach, wo wir auch mehr oder weniger regelmäßig auftauchen. So kam der lose Kontakt zustande.

Dann hatte Christian (Steffen) die Idee, dass man sich doch mal mit ein paar Leuten zum Musikmachen in einem Ferienpark in Ouddorp treffen könnte, also ein paar Tage wo man wirklich gar nichts anderes macht als mal in Ruhe gemeinsam zu jammen. Den Ferienpark in Ouddorp kannte er von privaten Urlauben. Da ist es im Winter superbillig und man stört keinen mit der lauten Musik.

Er hat sich dann überlegt mit wem es funktionieren könnte, und so kam die Vierer-Combo zustande. Als wir uns 2010 das erste mal in Ouddorp trafen, hatten wir vorher wirklich noch null Musik gemeinsam gemacht. Das war also sehr spannend, wie du dir vorstellen kannst. Dass es dann im Endeffekt so gut funktioniert hat, war natürlich unglaubliches Glück.

Warum Modularsynthesizer?

Wenn man Musik von Gruppen wie Tangerine Dream, Node oder Redshift mag, ist das naheliegend, sich mit dem Thema Modularsynthesizer zu beschäftigen. Wir verlassen uns bei unseren Sessions unter anderem deswegen vor allem auf unsere Modulars, weil sie a) perfekte Kontrolle über den Klang bieten, vor allem im Zusammenspiel mit den Sequenzern und b) denkbar einfach zu bedienen und „umzuprogrammieren“ sind. Bei uns muss das ja alles spontan funktionieren, da haben wir weder Zeit noch Lust, uns durch irgendwelche Menüs zu steppen.

Ich mag auch den physischen Aspekt der Modulars. Sie sind groß, man sieht sofort was Sache ist, und man muss was tun um sie zum klingen zu bringen.

Ansonsten vereint uns die Vorliebe für das Analoge tatsächlich. Bei den ersten Sessions hatten wir auch VAs dabei. Die sind klanglich einfach nicht gegen die Analogen angekommen, sorry. Ich habe da keine ideolologischen Vorbehalte, aber da wir das als Hobby betreiben, machen wir auch alles so, wie es uns gefällt.

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Wie kamen die Stücke auf der CD zustande?

Also … du musst dir das so vorstellen. Wir kommen in Ouddorp an, räumen das Wohnzimmer einer der Ferienhäuser leer, bauen alles auf, verkabeln alles … und wenn dann alles läuft, beginnen die Sessions.

Zu Beginn haben wir meistens Kopfhörer auf und basteln was an den Modulars rum. Nach einer Weile tragen wir zusammen was wir haben. Dann entscheiden wir ob eine Idee dabei ist, die man weiterverfolgen kann und stellen uns darauf ein. D.h., vieles was man so geschraubt hat, wird wieder weggeworfen. Dann beginnt der gemeinsame Teil.

Irgendwann ist dann klar wie es ungefähr laufen soll. Nicht in dem Sinne, dass die Nummern vor der Aufnahme „fertig“ sind, aber man hat so eine Idee von „Wir fangen mal mit der Sequenz an, dann kommst du mit der Fläche, dann kommt das dazu, dann jenes …“ 




Also so gaaanz grob. Und dann wird die Aufnahme gestartet. Da kommt es natürlich noch oft zu mehr oder weniger gewollten Überraschungen. 




Mehr als einen Take machen wir normalerweise nicht. Danach wird alles wieder auf Null gesetzt und wir fangen von vorne an, mit der nächsten Nummer. 




Auf diese Weise entstehen normalerweise 3 Nummern am Tag.

Drei Stücke am Tag sind aber viel, oder?

Ja, ist viel. Aber wir arrangieren ja nicht wirklich, und wir machen wirklich nur einen Take. Wenn wir zu lange an irgendwas herumdoktorn, wird es normalerweise nicht besser, sondern schlechter. Je spontaner alles läuft, desto besser. Irgendwann kommt man in eine Art „Flow“, und dann ist es fast als würden sich die Instrumente von selber spielen. Das alles läuft tagsüber. Die Abende gehören schrägen Filmen, Chips und Bier. Oder Mineralwasser.

Wie viel Arbeit steckt in den Nachbearbeitungen?

Nun, wir nehmen ja alles nur als Stereosumme auf, insofern sind die Nachbearbeitungsmöglichkeiten sehr begrenzt. Das Mastering übernimmt Jochen (Schöttler). Wir wollen keine Einzelspuren aufnehmen, weil das wieder dem Grundgedanke der spontanen musikalischen Momentaufnahme entgegenstünde.

Es gibt zwei weitere Alben die in Ouddorp entstanden …

… ja, die Ouddorp Tapes und Ouddorp Takes. Die Ouddorp Tapes gibt es nur noch digital bei Bandcamp, alle CDs sind verkauft. Von der Ouddorp Takes gibt es noch Restexemplare bei groove/Ron Boots, so viel ich weiß. Sonst auch nix mehr an physischen CDs. Die lief ganz gut. Wir waren sehr überrascht, das kannst du glauben.

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 Ouddorp liegt direkt an der Nordsee. Ist das im Winter nicht schrecklich kalt da?

Bei den Aufnahmen zu unserem zweiten Album Ouddorp Takes war es SAUKALT. Dermaßen kalt, dass wir uns echt dick einpacken mussten. Die Heizungen in diesen Ferienhäusern sind ja nicht wirklich für Minusgrade ausgelegt. Daher auch das Cover der Ouddorp Takes …

Am wärmsten war es noch im „Musikzimmer“ – die Masse an Gerätschaften hat doch beträchtliche Abwärme erzeugt. Beim letzten mal (Night on Ouddorp) war es deutlich milder.

So wie Du die Aufnahmesessions beschreibst sind die Ouddorp-Alben Live-CDs, oder?

Es ist definitiv keine Studioarbeit in herkömmlichen Sinne. Es ist alles live gespielt, es kommt NICHTS aus der Konserve.

Letzte Frage: Was ist Deine Lieblingsmusik?

Es wäre einfacher für mich zu beantworten was ich nicht gerne höre. Tatsächlich gibt es viel zu viel gute Musik…

Aber ich nenne mal: Elektronische Musik, insbesondere die britische Spielart (Node, Redshift, Arc), aber auch alte Klassiker wie Tangerine Dream. Darüber hinaus viel Heavy Metal (ja, wirklich), Progrock und auch Popmusik. Und nicht zu vergessen, den Techno der frühen 1990er. Das wenigste davon findet sich in der Musik wieder. Aber wenn du uns vier fragst, kriegst du auch vier verschiedene Antworten. EFSS ist dann sozusagen die Schnittmenge.

Danke für das Gespräch.

 

Night on Ouddorp ist genau so eine CD wie ich sie an manchen Tagen oft vergeblich suche. Aus diesem Grund habe ich sie die vielen Wochen seit mir Jörg Erren ein Exemplar schickte gar nicht erst ins Regal gestellt. Sie lag die ganze Zeit auf dem Player, und landete immer mal wieder in die CD-Schublade.

Night on Ouddorp ist ein feines musikalisches Menü. Nicht fett und belastend, sondern kultiviert, wie es ein Abendessen mit guten Freunden sein soll die man lange nicht gesehen hat. Es ist Musik die man auch Ohren anvertrauen darf, die sich noch nicht in die Szene eingehört haben. Sie ist eine CD, die man jemanden schenkt wenn man ihm die traditionelle elektronische Musik nahelegen will, ohne mit all zu anstrengenden Experimenten zu erschrecken.

Die Frage ist also nicht, ob man Night on Ouddorp zum Kauf empfehlen kann. Die Frage ist, warum man es noch nicht getan hat, und ob man noch ein Exemplar bekommt …

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Erren Fleissig Schöttler Steffens Alben bei Bandcamp und weitere Musik bei Soundcloud
Weitere Rezensionen bei Sequenzerwelten, bei Synth&Sequences (engl.) und Sonicimersion (engl.)

Bilder von Jörg Erren.

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