Hagen von Bergen | Ei Allemol

„Für mich ist ein eigenes Album dann gut, wenn ich es ganz entspannt hören kann, als wäre es ein Fremdalbum.“ Ja, und ist das neue Album denn nun gut? Ei allemol …

CD-Booklet 2 bis 4 seitigEin Hagen-von-Bergen-Album anzuhören benötigt Vorbereitung. „Hab mir grad ’nen italienischen, trockenen Weißen aufgezogen. Ansonsten tagsüber jede Menge Kaffee (eine gute Tasse Kaffee muss bei mir ne Stunde Schlaf ersetzen können), Abends Tee (nur aus eigener Sammlung aus meinem Garten). Ansonsten gilt: Bier und Wein, find ich fein.“ Für mich nur eine Tasse Muckefuck mit viel Milch. Gut, ich bin dann auch soweit. Kann losgehen.

Als ich das letzte Mal die Musik Hagen von Bergens in den CD-Spieler einlegte, hatte der Digital-Analog-Wandler im Player mit der ungewohnten Kost alle Hände voll zu tun. Am Ende waren wir beide, der Wandler und ich, erschöpft, aber glücklich. Und wir waren uns einig, das ist aber so was von nix für mal eben nebenbei zu hören. Ein durchaus deutliches Lob an die Musik, wie ich finde. Denn bei all der täglichen leichten und seichten Kost muss es dann und wann auch mal etwas geben, an dem man etwas länger knabbert und verdaut. Musikalische Ballaststoffe, sozusagen.

Nach vier Jahren Funkstille gibt es also ein neues Album vom amtierenden Meister der BI-ZA-ren Elektronik. Und ich bin gespannt, wie sich die Moderatoren in den nicht hunsrückisch sprechenden Podcasts und Radiostationen ei allemol die Zunge brechen, wenn sie den Namen des Albums aussprechen müssen. Am besten, sie spielen einfach die Musik und sparen sich die Ansagen, denn auch die Namen der Titel haben es in sich. Zu wissen das „Bohzhämmel“ ein Mückenschwarm ist hilft da absolut nicht weiter. „Ich liebe einfach die verschiedenen hunsrücker Dialekte … Die Tracknamen haben keinen tieferen Sinn oder Botschaft.“ Sag ich doch.

Hagen in der Wanne 2„An meine Haut lasse ich nur Sekt und CDs.“ Foto: privat.

Nach seinem Debutalbum „Jetzt“ und dessen Nachfolger „Abschied ist ein schweres Schaf“ ist „Ei Allemol“ das dritte Album des Hagen von Bergen. Die Musik ist auf allen drei Alben durch intensiven und durchaus ungewöhnlichen Einsatz von Naturgeräuschen geprägt. Wenn man die Musik über Kopfhörer im öffentlichen Raum hört, kann man nie sicher sein ob das was man gerade hört auf der Aufnahme ist, oder tatsächlich um einen herum passiert. „Ehrlich gesagt, ist das gar keine Absicht. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass das manchmal durchaus so ist, aber, beim Komponieren oder Abmischen mache ich mir darüber keine Gedanken.“

Hagen von Bergen lebt im Hunsrück. Und das scheint einen Grund zu haben. Auf die Frage, wie wichtig sein unmittelbares Umfeld für seine Musik ist, schreibt er „Sehr wichtig! Ich versuche mich mit Leuten zu umgeben die mir gut tun, und meide Plätze die mir nicht gut tun. Ich bin aber auch sehr gerne allein, egal ob in meiner kleinen Hütte, meinem Garten oder der Natur. Die besagten Geräusche sammele ich allerdings überall, wenn es für mich interessant und spannend klingt.“

Seine Wurzeln sieht Hagen in der Musik von Can, Genesis, King Crimson und der Weltmusik. „Dann kam mit etwa 17 Jahren Klaus Schulze und Bill Laswell an mein Ohr und rasch war der Entschluss gefasst, ein Synthie muss her und selber mal was machen. Lang ist’s her …“. Klaus Schulze inspiriert ihn heute immer noch. Sowie Laurie Anderson, Nils Petter, Marie Boin und „Jazz,Jazz,Jazz … die Liste würde lang. Aber auch die elektronischen Kollegen hier in unserer kleinen Szene.  Genau so gut auch ein einfaches Geräusch, Instrument, die Natur oder Bilder, Geschichten.“

„Bei Trommelzwirbel’ von Jetzt’ war die Inspiration z. B. der Klamauk der kleinen Katze Stinky, und sich wochenlang haltende running gags darüber.“

Auf der aktuellen Scheibe finden sich erkennbar mehr Instrumente, und weniger Naturklänge als auf früheren Alben. „Das hat sich einfach so ergeben. Ne richtige Gitarre ist nur auf ‚Bohzhämmel’ im langen Intro zu hören. Da habe ich meine Wandergitarre aus Jugendtagen mal so richtig gequält und durch den Wolf gedreht.“ Ganz verzichtet Hagen aber nicht auf Field Recordings. Denn auch wenn sich über die drei Alben eine Entwicklung in seiner Musik erkennen lässt, so lässt sich sagen „ …alle 3 passen in absolut keine Genre-Schublade und dennoch kann der geneigte Hörer so was wie ’ne eigene Handschrift immer raushören. Aber ob jetzt eins besser ist als ein anderes vermag ich nicht zu sagen. Ist ja auch immer alles Affenseife …“ 

Hagen von Bergens Alben polarisieren. Das ist bei Ei Allemol nicht anders. Sie sind ein Feuerwerk von Ideen, ungewöhnlichen Sounds und wagemutigen Arrangements. Er schreckt auch nicht davor zurück eine einzelne Passage in seinem Werk mehrere Minuten stur zu wiederholen und gibt dem Hörer dabei die Möglichkeit nicht nur weitere Details zu entdecken, sondern auch zu erkennen, wie sich die musikalische Figur durch die Wiederholung verändert – obwohl sie über die ganze Zeit identisch bleibt. Das ist in etwa so, wie sich die Bedeutung eines Wortes durch stetige Wiederholung erst verändert, und dann vollkommen auflöst. Ist das Kunst? Vielleicht. „Das soll mal jeder für sich entscheiden.“ Immerhin, wer sich darauf einlässt, kann darin etwas über sich erfahren. Oder sich gelangweilt abwenden.

Was bringt die Zukunft? „Ideen gibt es zu hauf. Aber, sind nicht alle umsetzbar. Es wird also leider nie z. B. eine Piano-Trio-CD von mir geben, und mit Gesang werde ich niemals andere Ohren belästigen. Könnte gut sein, dass Ende des Jahres [2014] die nächste Hargest-Darken-CD kommt. Die ist weitest gehend schon im Kasten. Für nächste Jahr habe ich ne ganz frische Idee mit was gaaaanz anderem …“

Ok, soll man das neue Album denn nun kaufen? Keine Frage, da sage ich nur ei allemol!

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Allemol ist ein mundartlicher Ausdruck aus der Region Morbach und bedeutet so viel wie selbstverständlich oder auf jeden Fall. Mit dem Zusatz Ei wird aus daraus Ei Allemol, was aus bloßer Zustimmung ein Postulat macht, unumstößlich und in Stein gemeißelt.

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