Twofish | Zero Crossing

„We were lucky enough to work with Emily Lazar in New York, who made a huge difference to how good the record sounds.“ Eine wirklich gute Entscheidung …

Twofish - Zero CrossingVor ein paar Tagen schickte ich Ian Boddy eine E-Mail mit einem Link zu meinem Node-2-Review, und er hat ihn gleich auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Kurz darauf erhalte ich von einem Node-Fan folgende E-Mail:

„I saw your review of Node 2 and wondered if you might be interested in reviewing the debut Twofish album. Our sound is a bit more „techno“ than Node’s but we do make heavy use of modular synths“

Techno? Och nee … Also mein Ding ist das ja nicht. Immer dieses UmmtzeUmmtzeUmmtze — Da rettet auch die Aussicht auf ein paar feine modulare Synthesizer nichts.

Der Klick auf den beigefügten Link präzisierte es dann. Da ist von „intelligent ambient techno“ die Rede. Kann Techno intelligent sein? In diese Richtung recherchiere ich besser nicht weiter. In dieser Richtung liegt der Wahnsinn. Aber einfach mal anhören kann ich mir das ja. Dachte ich. Weit gefehlt.

Nach ein paar Minuten Zero Crossing war klar, das nix klar ist. Sicher, da sind zuweilen klassische Techno-Elemente zu finden. Es gibt sogar ein paar Takte lang eine Bassdrum auf’s Ohr, die durch Verzerrer gedreht wurde, wie Grünschnitt durch den großen Häcksler. Aber Techno ist das nicht. Oder bin ich altersmilde geworden? Davon müsste ich aber was wissen. Das hätte ich bemerkt.

Ein paar Sachen fallen mir an dem Album dann doch auf. Zum Beispiel, dass die erwähnte Emily Lazar es echt drauf hat. Das Album klingt, äh … teuer. Der Klang ist einfach durchweg gut. Oder wie es in HiFi-Magazinen in den 1980er Jahren gerne gesagt wird: Transparent, luftig, durchsetzungsfähig. Das Album kommt an keiner Stelle irgendwo nervig rüber. (Gut, an einer Stelle beim Track Berlin habe ich mir gedacht, muss das wirklich? Aber es musste wohl).

Die nächste Auffälligkeit betrifft die musikalische Bandbreite der Band. Zero Crossing ist mit seinen sechs Stücken ein Querschnitt aus durchaus verschiedenen Musikstilen, ohne jedoch dabei seine Eigenständigkeit zu verlieren. Vielleicht mit Ausnahme von Times Tablas. Das ist einfach Ohrenzucker für Freunde der Weltmusik, Abteilung vorderer Orient. Und es ist wirklich gut! Alle Tracks glänzen mit interessanten Arrangements, „erwachsenen“ Harmonien, richtig guten Melodien und Phrasen. Sie sind (glücklicherweise) weder reines Techno, noch zu sehr Ambient. Aber sie sind eindeutig „intelligent“ genug um mich festzuhalten. Und das war wirklich nötig. Um ehrlich zu sein: Ich wollte Zero Crossing am Anfang oft abschalten. Aber ich konnte irgendwie nicht. Das Album hat mich mit dem ersten Hören zwar deutlich irritiert, aber gleichzeitig auch irgendwie angezogen. Das hatte ich lange nicht mehr bei einer von mir neu entdeckten Band. Apropos Band. Wer ist eigentlich Twofish?

CDBookletOutsideTemplateDie Antwort ist einfach: Twofish sind Harry, Charles und Mark. Die drei Jungs kommen aus London. Bei Charles Humble hat alles im Alter von 12 Jahren und einer Kirchenorgel angefangen. Er war schon in jungen Jahren von Musik fasziniert. Mit 14 hörte er zum ersten Mal Tangerine Dreams Rubycon. Dieses Erlebnis hat ihn dauerhaft für die elektronische Musik begeistert, auch wenn er Rubycon seit dem nicht mehr so oft hörte. Es war trotzdem eindeutig die Richtung in die er selber unbedingt weiter gehen wollte.„I was just fascinated by what I could do in terms of creating things that no-one had heard before.“ Ganz anders bei Harry Richardson. Seine musikalischen Wurzeln gehen zurück auf das klassische Pianospiel seiner Mutter. Er lernte das Klavierspielen bis er etwa 14 Jahre alt war, und wurde besonders von Beethoven und Debussy geprägt. Dann wechselte er zur Gitarre. Damals bot sich ihm natürlich David Gilmour als Vorbild an. Als größten musikalischen Einfluss ist bei Mark Chitty, dem dritten im Bunde, ganz klar das Album Spiral von Vangelis zu nennen.

Auf meine Frage ob ich Fotos von der Band bekommen könnte meinte Charles Humble, sie hielten es da wie Kraftwerk. Er, Harry und Mark sind halt ein ein wenig scheu. Scheu mag ja sein, aber nicht vollkommen unbekannt in der Szene. Immerhin spielen die drei seit fast fünfzehn Jahren zusammen, und haben Erfahrungen aus anderen Bands mitgebracht, die bis 1990 zurück reichen. Die Musik der Berliner Schule ist dabei das verbindende Element bei Twofish, und gleichzeitig ihre große Liebe. Die Musik von Twofish hat sich seit dem weiter entwickelt, sagt Charles Humble, und sie haben durchaus eine eigene musikalische Sprache gefunden, „But I still love Berlin school music, and I’d like to think it is in there somewhere“. Die Zusammenarbeit mit den beiden anderen gibt ihm sehr viel. Es liegt ein großer Unterschied darin, ob man alleine, oder zu dritt an Musik arbeitet, sagt er. Jeder von ihnen bringt einen eigenen Einfluss in die Musik.

Die erste Veröffentlichung hatten Twofish auf einem Sampler. „We licensed Deep Bass 9 to Whirl-y-gig for “Whirl-Y-Waves Vol. 3 – Sounds Imported” – this was an earlier mix again but basically the same track“. Dann folgte ein Soundtrack für das Spiel TxK für die PlayStation Vita. „Jeff Minter is a real old industry legend and asked fans of his if they would donate music for a project he was working on. We were among a number who volunteered and sent him an earlier mix of Berlin which appears in one of the bonus rounds.“ Es handelt sich bei TxK um ein klassisches Vektor-basiertes Ballerspiel, das zu dem viel Zuspruch in der Szene bekommen hat. Die Musik von Twofish fand über die Jahre immer mehr Zuspruch. Es wurde also Zeit, aus den vielen einzelnen Tracks der Band ein einziges, rundes Album zu schmieden. Zero Crossing.

Studio_wide

 

Im Twofish-Studio findet man nur Dinge, die Charles gerne „expensive toys“ nennt. Wer einen Blick für so was hat, kann dem wahrscheinlich zustimmen. Die Liste der Instrumente auf der Twofish-Website offenbart so manches feine Gerät. Neben der Elektronik fließen auch Gitarren, und weitere, zuweilen exotische Instrumente sowie Schlagwerk in die Musik ein. Oft verwenden die drei Naturklänge wie Zugansagen von U-Bahnen, oder Fledermäuse aus Madagaskar, oder Samples ihrer eigenen Instrumente, und drehen sie durch den Wolf, schneiden sie, lassen sie rückwärts laufen,verschieben die Phase, produzieren Echos und manipulieren sie, bis etwas wirklich interessantes daraus entsteht. „Often we’ll start with sound design, and then a sound will inspire a riff“. Eine Botschaft haben Twofish mit Zero Crossing aber nicht. Jedenfalls nicht absichtlich. Alles kommt aus dem Equipment und den gefundenen Klängen, sagt Harry Richardson. Was soviel bedeutet wie: „I hope it hangs together as a record“.

Und was ist nun mit „intelligent ambient techno“ gemeint? Eine Pause entsteht. Dann meint Charles Humble schließlich, Ambient Techno ist eine eher relaxte Form des Techno. Es ist vom Wesen her am Ambient House orientiert. Was uns betrifft haben wir etwas „Space and Soundscape“ hinzugefügt, und wir spielen nicht, wie man es oft bei Techno findet, immer das Gleiche wieder und wieder und wieder. Wir haben alle dafür irgendwie eine viel zu geringe Aufmerksamkeits-Spanne.

Was die ganz zu Anfang erwähnte Arbeit mit Emily Lazar angeht, so ist die eindeutig auf die Initiative von Charles zurück zu führen. „I felt very strongly that if we were going to do a record we should make the best record we possibly can.“ Die Entscheidung für die Grammy-nominierte Emily Lazar wurde ihnen leicht gemacht, als sie sich verschiedene frühere Mastering-Ergebnisse anderer Studios anhörten, und mit ihnen überhaupt nicht glücklich waren. Charles war aufrichtig überrascht als Emily tatsächlich zusagte. Immerhin arbeitet sie sonst mit Leuten wie David Bowie, Paul McCartney, Velvet Underground, Depeche Mode, BT, Björk und … naja, solchen Typen halt zusammen. Twofish sandten den fertigen Mix digital via Internet in ihr Studio nach New York, und gleich das erste Test-Mastering hat sie vollkommen umgehauen. Im weiteren Verlauf der gemeinsamen Arbeit haben das Team von Emily Lazar und Twofish über E-Mails und Chats zusätzliche Absprachen getroffen. „She is, basically, a genius at what she does.“ Dabei war ein kommerzieller Erfolg gar nicht mal die Triebfeder hinter der aufwändigen, und höchstwahrscheinlich teueren Veredelung von Zero Crossing. Charles sagt, „So if I’m only going to make one record, lets make it the best record it can possibly be.“

 

Zero Crossing ist das Debut-Album von Twofish. Es ist vielschichtig, stark instrumentiert, liebevoll gemacht, und so bodenständig komponiert und arrangiert, dass es mich noch für lange Zeit auf’s Angenehmste beschäftigen wird. Die sechs Stücke sind in vielerlei Hinsicht ein Genuß. Ein Album, das bei mir selten im Regal lagert, weil es mich immer wieder zum Reinhören einlädt. Gut angelegte £5 (or more). Kann man nicht anders sagen …

Wie geht es weiter mit Twofish? Live werden sie sicher nicht auftreten, soviel steht fest. Charles, Harry und Mark sehen sich nicht als Live-Musiker. Dazu sind auch die Klängegebilde der drei zu komplex, und der Modular-Synthesizer zu unflexibel und, naja … sagen wir einfach unhandlich. Auch was das nächste Album angeht bleibt Charles Humble vorsichtig. Sie treffen sich weiter regelmäßig nach der Arbeit, und generieren auf diese Weise natürlich neue Tracks. Sie hoffen demnächst ein weiteres Album zusammen stellen zu können, „but don’t hold your breath!“

Twofish steht der Musik als Business eher gelassen gegenüber. „It certainly isn’t enough to make a living out of (we did try for a while)“. Das könnte sich mit diesem Album erstmals ändern. Ich für meinen Teil hätte Zero Crossing gerne auf Vinyl. Ich glaube, Zero Crossing ist Musik die auf einer großen schwarzen Scheibe unter einer kleinen Saphir-Nadel wirklich gut zur Geltung kommt. Immerhin: Emily Lazar hat bereits das Vinyl-Mastering vorbereitet. Und Charles lies durchblicken, dass es durchaus eine Auflage in Vinyl geben könnte. Dem stehen nur die exorbitanten Produktionskosten im Wege.

Es besteht also Hoffnung …

Twofish im Internet und auf Soundcloud
Zero Crossing digital kaufen bei Bandcamp, oder als CD-R bei Createspace
The Lodge, Emily Lazars Mastering-Studio im Internet
Alle Zitate
 sind aus einem Interview des Autors mit Charles Humble vom 5. Juni 2014.

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