Tangerine Dream | Encore

Das Bekannte verlassen, eine Reise antreten, das Neue erobern: Tangerine Dreams wichtige USA-Tour, und mein Weg hin zu einer völlig neuen Musikwelt, haben die Band und mich für immer verändert.

 

DSCN33151. Akt Cherokee Lane — Der lange Weg in die „Neue Welt“

Den Ruf des Unbekannten erhielt ich irgendwann 1978 oder 79. Er traf mich am Lautsprecher sitzend, staunend über die neue Welt die sich vor meinen Ohren auf tat. Eine Welt, weitab von ABBA, The Sweet, Status Quo oder dem Electric Light Orchestra, die bis dahin meinen musikalischen Horizont bildeten. Eine Welt, die ich alleine erkunden musste: Denn wer Tangerine Dream war wusste keiner an meiner Schule oder auf der Straße beim Radfahren (oder beim Zündeln zwischen den Büschen und Bäumen hinterm Haus). Dabei wusste damals jeder alles! über Musik. Ohne Ausnahme. Die aktuelle Hitparade kannten wir genau. Auch die der Woche davor. Und für die Woche danach hatten wir üblicherweise eine ziemlich genaue Vorhersage. Es gab ja nichts anderes. Musik war damals das einzige, das uns von unseren Eltern trennte. Und dieser Abstand war wichtig. Immerhin waren wir schon 14!

Es gab einen in der Straße, der hat diesen Abstand zu seinen Eltern (und allen anderen) deutlich erweitert. Er hat sich sozusagen uneinholbar abgesetzt. Auch von uns. Und das nicht mal aus Protest gegen seine Eltern. Er mochte seine Eltern. Sie kochten, sorgten für frische Wäsche, machten sein Zimmer sauber. Und: Sie ließen ihn in Ruhe. Vor allem Letzteres war sehr wichtig. Er war wie ich unbeliebt an der Schule, nicht nur wegen seiner (sogar für damalige Verhältnisse) grässlichen Frisur, oder seiner deutlichen Körperfülle („Hey! Sind das da echte Titten unter dem T-Shirt?“). Er war vor allem unbeliebt, weil er vollkommen und total andere Musik hörte. Kaum aussprechbare Sachen waren dabei, wie Red Lorry – Yellow Lorry, Siouxsie and the Banshees und natürlich Killing Joke, New Model Army, The Fall, Napalm Death und so weiter.

Keine Frage. Er war ein Außenseiter. Ich war ein Außenseiter. Sonst waren weit und breit keine Außenseiter zu sehen. Wir taten uns zusammen.

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2. Akt Monolight — Ein einzelnes Licht in der Finsternis.

Sein Sender war der British Forces Broadcasting Service (BFBS). Sein Moderator hieß John Peel. Seine Sendung war Top Gear/John Peels Music. Er hatte ausserdem eine Spielkonsole die sechzehn Graustufen darstellen konnte (später einen C-64) und er hatte eine dramatisch große Stereoanlage. Selbst für damalige Verhältnisse. Der komplette Turm mit ein paar Schubladen für Cassetten und Spulenbänder war ungelogen zwei Meter hoch. Und er stand total auf Grundig. Naja, er war eben ein klassischer Außenseiter. Die sind manchmal so. Zwischen dem Receiver, den beiden Tape Decks, dem Equalizer und irgendwelchem anderen Kram, den nicht mal ich kannte, war eine riesige Tonbandmaschine. Und während wir in seinem Zimmer sehr grob gepixelte Alien-Raumschiffe in digitale Trümmer ballerten, spielte das Band John Peels neueste Entdeckungen aus der letzten Sendung.

Mannmannmann, war das eine Schize! Das meiste von dem, was John Peel da in den Äther schickte und bei meinem Kumpel zeitgleich auf BASF-Magnetbänder landete (und zwar ausschließlich BASF!), war nahezu unerträglicher Mist. Schlecht gelaunte Menschen in langen schwarzen Mänteln machten finst’re Musik, und rotzten ihren Groll gegen Alles und Jeden raus. Lauter deprimierendes Zeug. Selbstmord lag in der Luft, mindestens aber Gewalt und massiver Ärger. Es roch nach Pflastersteinen und Tränengas. Ob das überhaupt Musik war oder einfach nur ein akustisches Überfallkomando, konnte ich nicht sagen. Nichts jedenfalls, das im Mainstream-Radio auch nur 12 Sekunden überlebt hätte.

Ich wollte(!) diese Musik mögen. Ich war ernsthaft gewillt anzunehmen, dass ich einfach noch nicht reif genug war für das, was John Peel mir da bot. Ich musste meinen Geschmack sicher nur noch ausbilden um die Perlen zu erkennen, die Peel mir da vorwarf. Ich wollte! glauben! Aber es ging nicht. Die Banshees brachten bei mir kein Bein auf die Erde. Auch nicht Red Lorry – Yellow Lorry. Und so litt ich stumm, versuchte mit dem Joystick die Welt auf einem 16-Graustufen-Display zu verteidigen, und hoffte mit bangem Herzen auf ein weiteres Stück von Gary Newman, oder Joy Division auf dem Band der letzten Sendung. Mit denen kam ich zumindest klar. Es war ja immerhin, wie der Chef der BBC Radio 1 Andy Parfitt später über die John Peel Show sagte, „extreme Musik“. Dem konnte ich mich unwidersprochen anschließen.

Außenseiter sein war auch damals ein hartes Brot. Und dann wurde auf ein mal in latent undeutlichem liverpooler Englisch eine deutsche Band angekündigt, deren Name ich später nur mühsam herausfand. Tangerine Dream.

3. Akt Coldwater Canyon — Flußabwärts durch die Strom-Schnellen …

DSCN3317Es traf mich wie ein Blitz. Darauf war ich nicht vorbereitet. Der Blitz schlug in Form eines glitzernden, hellen Synthesizer-Akkords durch die Stille und nach ein paar wenigen leisen Echos und einer ewig langen Hallfahne, schlug der Blitz wieder ein. Und noch mal. Und dann noch ein mal. Und dann grummelte ein Sequenzer unverständliches Zeug, wurde klarer, breiter, bekam ein paar elektrische Rhythmus-Elemente zur Seite gestellt — und dann spielte Edgar Froese seine weiße Gibson Les Paul Custom, als wenn er den Inhalt der Minibars aller drei Zimmer der Band erst in eine Blumenvase und dann in seinen Kopp geschüttet hätte. Und er hörte einfach nicht auf damit, brach durch alle Gitarren-Solo-Gewohnheiten, überlegte es sich zwischendurch auch mal anders, riss Zitate aus dem Hard Rock an, dann wieder billige Phrasen aus dem Gitarrenunterricht – und schrammelte und kreischte sich durch das wild verkabelte elektrische Universum, das Peter Baumann und Chris Franke mit den riesigen blinkenden Synthesizer-Schränken um ihn herum aufbauten. Edgar Froese spielte, was ihm gerade in den Sinn kam. Denn geplant war sicher kaum eine Note von dem, was ich da zu hören bekam. Es phaserte überall und flangerte in weiten Hallräumen. Echos sprangen hin und her, digitale und analoge Sequenzer von Moog und Oberheim hämmerte immer neue elektronische Varianten simpler Patterns dazu, wurde unterstützt von weiteren, gegenläufigen Sequenzen, Arpeggios und … echt jetzt, ich habe doch auch keine Ahnung was mich da noch alles atemlos durch dieses Stück trieb. Um es kurz zu machen: Ich war begeistert.

Wenn ich eine Schlauchboot-Fahrt durch den Grand Canyon vertonen müsste, Coldwater Canyon wäre das Stück meiner Wahl. Man weiß in dem Stück nie was als nächstes passiert, wird hin und her geworfen, und bekommt immer mal wieder einen Schwall klaren, kalten Flusswassers ins Gesicht. Und dann die Klänge! Hey, ich kannte Oxygene von Jean-Michel Jarre! Ich wusste, wie Synthesizer zu klingen haben! Doch was da 18 Minuten lang ohne Verschnaufpause meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erinnerte mich nur entfernt an den französischen Hausfrauenschwarm aus prominentem Hause.

Tangerine Dream hatten eindeutig eine weniger glatte Vorstellung davon, was man mit Synthesizer und Sequenzern so alles anstellen konnte. Bei den Berlinern klangen Synthesizer erdiger, rauer und zuweilen auch mal schräg und falsch. Während Jean-Michel Jarre mit Oxygene ein perfektes Elektronik-Album ablieferte, wie es sonst nur die Pop-Industrie ausspuckte, spielten Tangerine Dream offensichtlich nicht nach einer Komposition, sondern allenfalls nach einem groben Konzept. Ansonsten improvisierten Froese, Baumann und Franke wie es ihnen gerade in den Sinn kam drauf los. Erfrischend. Dilletantisch. Genial.

Ich musste das Album haben. Aber wie hieß die Band noch mal? Und hatte Mr. Peel überhaupt erwähnt auf welchem Album das Stück zu finden war? Wir spulten das Band zurück, und hörten die Anmoderation noch mal. Aber alles was wir von Peels grässlichen Dialekt mitbekamen klang wie das Phantasie-Englisch eines 12-jährigen deutschen Hauptschülers, der auf offener Straße laut AC/DC-Songs sang, oder das, was er dafür hielt. Mein Aussenseiter-Kumpel half weiter. Er besorgte mir irgendwie die notwendigen Informationen. Ich glaube, er schrieb tatsächlich den Sender an. Und ausserdem besorgte er mir den Sendeplatz einer deutschen (hört hört!) Radiosendung mit Namen Rock In, die John Peel höchstwahrscheinlich überhaupt erst auf Tangerine Dream aufmerksam gemacht hat. Mit diesen Informationen im Gepäck zog ich los.

4. Akt Desert Dream — In der Wüste die Oase, das Wasser.

DSCN3318Ach, wie öde und leer kann doch die Welt sein, wenn man ein Ziel hat, aber keine Ahnung es zu erreichen. Damals hießen Plattenläden noch Radio Schallenberg oder Radio & TV Schmitz und hatten das entsprechend staubige Repertoire. Oder es gab Musikabteilungen in Kaufhäusern wie Kaufhalle oder Hertie, die waren üblicherweise noch trüber ausgestattet. Oder Hippieläden wie Magma, die neben Duftkerzen, Blumenölen, Batiktüchern, Räucherstäbchen, kleinen Budda-Figuren und Lavalampen auch Schallplatten verkauften, die andere weggeschmissen hatten.

Eine Hoffnung blieb mir. Es gab damals in ganz Deutschland nur ein einziges Plattengeschäft dem ich zutraute den Namen Tangerine Dream schon mal gehört zu haben. Und das hieß SATURN. Und das war innerhalb von 45 Minuten mit der U-Bahn zu erreichen. Haltestelle Hansaring. Als ich die Rolltreppe nach oben fuhr, baute sich vor mir ein vielstöckiger Turm voller Schallplatten und HiFi-Geräten auf. Ein wimmelnder Bienenstock voller erregend neuer Musik. Ich stand vor der Tür, schaute den Backstein-Turm hoch, hinter mir die U-Bahn-Station der Linie 15, vor mir ein Gewimmel von Menschen, die durch die vielen Glastüren an der Front entlang ein und aus gingen. So musste es in London sein, oder New York. Ich beschloss: Das sollte meine neue Welt werden. Ich ging hinein.

Encore

Da war sie. Tangerine Dreams Encore. Es war ein Doppelalbum. Und jetzt war es bei mir zuhause. Auf meinem Plattenteller. Vier Albumseiten – vier Stücke. Sie wurden allesamt während der US-Tour im Frühjahr 1977 aufgenommen. Von Edgar Froese, Chris Franke und Peter Baumann. Neben jedem Namen stand auf dem Cover eine beeindruckende Liste elektronischer Instrumente. Eine völlig neuer Musik-Kontinent lag vor mir. Ich hörte die fremden Klänge, berauschte mich an den Phaser-Effekten, ließ mich willig von den Sequenzern hypnotisieren, schwebte mit den Klavierklängen durch die Wolken, drang mit dunkel drohenden Moog-Sounds durch finstre Gefilde, und reiste mit der Musik von Tangerine Dream durch Raum und Zeit. Ich machte diese Reise alleine. Es war meine Reise. Wen sollte ich auch dazu einladen? Nicht mal mein einziger Kumpel interessiert sich für diese „elektronische Musik“. Wem ich davon erzählte wendete sich kopfschüttelnd um. Wen ich einlud sich das Werk anzuhören winkte dankend ab.

Die Erwachsenen nahmen „diese Musik“ nicht als „richtige Musik“ wahr. Alle anderen hörten eh nur was in den Charts war, und kamen sich wie bunte Paradiesvögel vor wenn sie mal was „Ausgefallenes“ aus den britischen- oder US-Charts hörten. Ein mal jedoch hatte ich das Gefühl mit meiner Liebe zur rein elektronischen Musik nicht alleine zu sein. Das war, als ich durch meinen Onkel, bei dem ich manchmal eine Woche in den Ferien meinem deprimierenden Teenager-Trott entfliehen durfte (und der im Drei-Länder-Eck in Aachen lebte und studierte), in eine ausgewachsene Herumlungerei bei etwas Rotwein und selbst gedrehten Zigaretten im belgischen Raeren geriet. Zwischen Pink Floyd und Emerson Lake and Palmer blitzen an dem Abend auf einmal reine Elektronik-Klänge auf. Ich rappelte mich auf und schaute auf das Plattencover. Es war blau, mit einem Verkehrszeichen vorne drauf: Autobahn. Ich war doppelt erleichtert. Zum einen war war ich nicht alleine mit meiner Sucht. Und zum anderen gab es offenbar noch mehr von meiner heimlichen Droge.

Nach der USA-Tour, und der anschließenden Veröffentlichung von Encore, verließ Peter Baumann die Band, und Edgar Froese und Chris Franke arbeitet mit anderen Menschen an Tangerine Dream weiter. Das nächste Album nannten sie Cyclone. Es hatte erstmals Songstrukturen, enthielt erstmals Gesang und hatte erstmals Teile der Fans enttäuscht. Rückblickend lässt sich sagen, es war ein zaghafter Schritt in den Mainstream, den sie zwar nie vollständig erreichten, aber dem sie auch nicht wirklich widerstehen konnten. Nach Encore war Tangerine Dream anders. Nicht besser, nicht schlechter. Anders.

Vor kurzem bekam ich eine CD aus dem Bestand der Tangerine-Tree-Reihe zu hören, auf der das Konzert, aus dem Encore zusammengestellt wurde, im Original vollständig und zu hören war. Eine ernüchternde Erfahrung, die ich zu vergessen suche.

Encore war exakt eine Woche in den englischen Album-Charts. Im November 1977. Auf Platz 55. Dann verschwand es wieder. Ich habe diesen kurzen Moment genutzt um mein musikalisches Leben von Tangerine Dream verändern zu lassen. Tangerine Dreams Encore ist seit dem ein Meilenstein in meinem musikalischen Leben.

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