Node | Node 2

„Thursday 15th December 2011. The Band arrive and spend most of the morning tuning up.“ Was für eine verheissungsvolle Aussicht!

Node - Node 2 (DiN44) - DiN44 front coverWer auf den Klang blutleerer Softwaresynthesizer oder wasserdünner Digital-Synthies steht sollte bitte weitergehen. Hier gibt es für ihn nichts zu sehen. Dabei will ich den unter vielen Künstlern der elektronischen Musik dauerschwelenden Glaubenskrieg „analoge vs. digitale Klangerzeugung“ gar nicht mal aufnehmen. Unter uns gesagt: Es ist gar kein Glaubenskrieg. Analog ist schlicht besser. Das verstehen die anderen nur nicht.

Ich weiß doch auch nicht warum.

Was ich mit der Eingangsbemerkung eigentlich sagen wollte ist folgendes: Was Node hier an Instrumentarium auffährt gehört zu dem Besten, was Instrumentenbauer mit Löterfahrung weltweit geschaffen haben. Punkt. Absolut edles und seltenes Instrumentarium. Hier den Hersteller Moog zu erwähnen würde alle nur mit dem Licht des Offensichtlichen blenden. Und ich will hier gar nicht zu sehr in’s Detail gehen. Nur eines noch: Neben den Ehrfurcht gebietenden großen Namen der analogen Klangkunst sind auch Vertreter legendärer digitaler Tonerzeuger zu finden. Wer den Namen Wolfgang Palm schon mal gehört hat weiß, wovon ich rede. Und bevor ich hier zu sehr ins Schwärmen komme, will ich lieber mal darlegen warum ich überhaupt so viel über die Instrumente spreche, und nicht gleich über die Musik.

Node 2 ist klanglich eine Wucht. Und zwar nicht so sehr Wucht im Sinne von toll, oder schön, oder bezaubernd. Überhaupt nicht. Dann hätte ich „dufte“ geschrieben. Ich meine es eher wie man es benutzen würde, um die Vorgänge in einem Stahlwerk zu beschreiben. Wuchtig halt. Als ich Node 2 das erste Mal hörte, war ich danach erschöpft wie nach einer Doppelschicht bei Thyssen-Krupp an der Thomas-Birne (nein, das ist kein Wortspiel. Mache er sich kundig.)

Diese Wucht und Intensität hat mehrere Ursachen. Da ist zum einen natürlich die schon erwähnte Wahl der Instrumente. Die haben allesamt einfach mächtig Druck am Ausgang. Als nächstes verfügen die vier Bandmitglieder Dave Bessell, Ed Buller, „Flood“ und Mel Wesson ganz klar über reichlich Erfahrung wie man Synthesizer-Schaltkreise ordentlich auf Touren bringt. Man kann nämlich, genügend Unkenntnis von der Materie vorausgesetzt, einen Dampfhammer wie den Oberheim Matrix 12 durchaus wie eine Tischhupe klingen lassen. Ist auch mir schon gelungen. Diese Gefahr besteht bei den Vieren aber nicht.

Einen weiteren Grund sehe ich persönlich darin, dass es sich bei Node 2 nicht um eine vollkommen durcharrangierte und bis ins letzte Detail ausgearbeitete Produktion mit Unsummen von Audio- und MIDI-Spuren, und in einem Computer bis auf das 1/3840te genau platzierte MIDI-Events handelt, sondern um etwas anderes. Jeder der vier Musiker hat im Aufnahmestudio seine Instrumente in einem eigenen kleinen Mischpult zusammengeführt und als Stereo-Signal an das große Studiopult gesendet. Lautstärkeverhältnisse, die Anwendung von Effekten auf das Audiosignal, und Klangregelung lag in der Hand jedes einzelnen Musikers. Die vier Stereosignale wurden live im Studio-Pult (analog) summiert – und schlicht Stereo aufgezeichnet. Fertig ist die Laube. Wer diese Vorgehensweise einem Mitarbeiter in einem professionellen Tonstudio vorlegt, erntet als Antwort ein einfaches „Uiii, mutig!“ Als Belohnung für den Mut erhält man ein durchweg lebendiges Musikerlebnis. Es ist in gewisser Hinsicht eine Mischung aus Live- und Studio-Album.

Als letzten Grund für die Wucht und Intensität von Node 2 sehe ich die Entstehungsweise der Kompositionen. In dem CD-Booklet heißt es „The Band discuss the ideas for a piece, pick a key, tempo and usually two distinctive musical phrases. One short and one a little longer.“ Man spricht sich über die Grundzüge des Stücks ab, verschwindet dann eine kleine Stunde hinter den Synthesizern, probiert dies und das, dreht an den Sounds und dann geht’s los. Nach etwa drei oder vier Versuchen steht die Aufnahme. So liebe ich das.

Ok, aber was ist jetzt musikalisch von Node 2 zu erwarten? Schwer zu sagen. Am besten, jeder hört in das unten bei Soundcloud verlinkte 12-minütige Beispiel rein. Da bekommt man schon eine Idee, was da kompositorisch passiert. Es wird halt in gewissen Grenzen frei zu den abgesprochenen Phrasen improvisiert. Die Musiker reagieren aufeinander. Die Musik entsteht beim Spielen. Der Klang ist dabei fundamentales Element der Musik, was ja gerade der Synthesizer in deutlich höherem Maße möglich macht als jedes andere Instrument. Um zu verstehen, warum das ganze nicht in einem grässlichen Desaster endet (denn immerhin improvisieren hier vier Musiker gleichzeitig, und zwar mehr oder minder live in das laufende Aufnahmegerät), muss man sich vor Augen führen, wer denn da spielt: Zwei langjährige Produzenten, zwei erfolgreiche Komponisten, von denen einer Professor für Musik, der andere recht gut für seine Arbeiten mit dem Filmkomponisten Hans Zimmer bekannt ist. Keine Gefahr also.

Tja, jetzt habe ich viel geschrieben. Aber trotz der vielen Worte ist es mir irgendwie nicht gelungen zu beschreiben, warum ich von Node 2 so fasziniert bin. Sind es die frischen Klänge aus dem edlen Equipment? Sind es die permanent im Wandel befindlichen Strukturen, die alles zu einem festen Gewand knüpfen, das sich einem sachte um die Schultern legt? Ich glaube, es sind vor allem die intensiven Klangbilder, und die belastbare Stabilität in den Sounds. Node 2 ist in jeder Hinsicht wie eine robuste Säule, die ein ganzes Haus voller elektronischer Musik trägt.

In Zeiten dünner Softwaresynthesizer und blutleerer Digitalsynthesizer eine wohltuende Ausnahme.

Node 2 probehören auf Soundcloud und online bestellen bei DiN Ian Boddy oder iTunes
Weitere Rezension auf empulsiv

 

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