B. K. & S. | Eglise de Betzdorf

Ein „Tee mit einem unbekannten Mädchen“ kann in einer Enttäuschung enden. Selbst im luxemburgischen Betzdorf. Muss es aber nicht, wie man hier sehr gut hören kann.

broekhuis_keller_schoenwaelder_eglise_de_betzdorfIch sage es ja ungern, aber Konzerte für elektronische Musik sind nicht immer so angenehm wie es der Preis für die Eintrittskarte vermuten lässt. Und wenn ich schon dabei bin mich unbeliebt zu machen, kann ich ja auch gleich mal erzählen warum ich das so empfinde.

Ganz einfach. Mancher Künstler erliegt dem Charme seiner Instrumente, verliert sich in den Sounds seiner handverlesenen Synthesizer, verwechselt hypnotische Sequenzen mit monotonem Gedudel und sieht sich mit seinem über alles schwebendem motivationslosem Herumgeeiere auf der Tastatur in der Tradition eines Jimi Hendrix oder Keith Emerson. Dabei hat er offenohrig „alle Hände voll“ [Sic!] damit zu tun, den einen, das ganze Stück über wie an den Keyboardständer festgeschweißten, Akkord nicht zu verfehlen. Tonartwechsel scheinen nämlich in etwa so beliebt zu sein wie ein Pickel auf der Nase. Oder ein Bußgeldbescheid. Oder Stromausfall während des Endspiels. Ich denke der Punkt ist klar geworden.

Das gilt übrigens für ganz viele Elektronik-Musiker (Anwesende natürlich ausgenommen). Selbst bei denen, die man die „ganz Großen“ nennt, also zum Beispiel einem Klaus Schultze, passiert das zuweilen (ausser natürlich er liest hier gerade mit). Herr Schultze macht das dann so: Ein breiter wabernder Flächenklang wird als Teppich unter einem stur immer wieder bis 16 zählenden Sequenzer gelegt — und darüber eiert der Meister über die Tastatur wie jemand, der besoffenen einen zugefrorenen See überqueren will. Woher ich das alles so genau weiß? Ich mache es doch auch so! Der Köder ist einfach zu verführerisch, als das man ihn ignorieren könnte.

Mit „Eglise de Betzdorf“ sind Bas Broekhuis, Detlef Keller und Mario Schönwalder (BK&S) allen diesen Fallen elegant aus dem Weg gegangen. Natürlich, sie haben Flächenklänge, brav marschierende Sequenzer und durchaus mutige freie Solis. Aber, und hier kommt der entscheidende Unterschied, nichts davon ist Selbstzweck. Nichts davon ist übertrieben. Alles passt zusammen, bildet ein Ganzes. Und das ist schön. Nicht kitschig, oder schwülstig. Auch nicht pathetisch, sondern schlicht und einfach schön.

So, an der Stelle könnten wir Schluss machen, auf den Link verweisen wo Eglise de Betzdorf zu bekommen ist, und die nächste Rezension vorbereiten. Geht aber nicht. Da ist noch was, das ich loswerden muss. Denn was ich hier über Eglise de Betzdorf sage, kann ich nicht von allen BK&S-Live-Einspielungen sagen. Das Konzert, das am 25. Juni 2010 in eben dieser Kirche, in eben diesem Betzdorf aufgenommen wurde, hat etwas, das auf eine besondere innere Harmonie unter den Akteuren hinweist. Und zwar mehr als sonst üblich. Ich war ja nicht dabei, und kenne die Umstände nicht unter denen das Konzert entstand. Aber es muss etwas Besonderes gewesen sein, das an diesem Tag in der Luft hing und aus diesem Album ein besonderes Kleinod machte. Das entstandene Album klingt wie aus einem Guss. Es klingt, als wenn nicht drei einzelne Personen gespielt hätten, sondern alle drei wie eine einzige Person. Das ist natürlich noch weit von dem Zustand entfernt, der im Zen als „Satori“ bezeichnet wird. Aber es ist das Wort, das mir zuallererst eingefallen ist, als ich meine Empfindung beim Hören von Eglise de Betzdorf formulieren wollte. Auch das kann man nicht von jedem Live-Album sagen.

Einen Fehler hat das Album aber dann doch. Nach 38 Minuten ist schon Schluss. Macht aber nichts. Dann starte ich den CD-Player einfach noch mal …

Eglise de Betzdorf kaufen bei Syngate und weiteren Quellen.
BK&S Website und auf iTunes
Weitere Rezension im Musik-Zirkus


PS: Seit ein paar Tagen schreibe ich nun an dieser Rezension, und dieses Wort „Satori“ hat mir in der ganzen Zeit keine Ruhe gelassen. Also habe ich Detlef Keller angeschrieben, und ihn zu den Umständen, unter denen das Konzert stattgefunden hat, befragt. Er schreibt:

„Gast Klares aus Luxemburg hat dieses Konzert in einer kleinen Kirche in Bergdorf organisiert. Harmonie ist nicht nur eine Grundlage in der Musik, sie ist auch die Basis für BK&S! Unterstützt wird diese Harmonie sicherlich durch die Location und durch die Menschen darin. Aber ich kann nur unterstützen und verstärken, wenn schon was da ist — eben unsere Basis.

Wir sind dicke Freunde, machen seit fast 20 Jahren zusammen die Bühnen nicht nur in Europa unsicher und haben immer voll Spaß dabei. Und uns ist wichtig, dass dieser Spaß rüberkommt — wie auch die Harmonie. Ein weiterer Punkt ist die Freiheit der Improvisation. Klar, die Basics sind vorbereitet. Aber der große Rest entsteht unter dem Einfluss der Location, der Stimmung und des Publikums.

Aber Betzdorf war auch so angenehm, weil Gast Klares ein sehr angenehmer und harmonischer Typ ist. Das trägt zur lockeren Stimmung bei und macht dadurch noch mehr Spaß!“

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