M.O.B.S. | „Aus dem Nichts…“

Ein Künstler der bekannt ist, sich aber nicht zu erkennen gibt, produziert ein Berliner-Schule-Album, das »Aus dem Nichts…« kommt?

M.O.B.S. | Aus dem NichtsNa, das fängt ja schon mal toll an. Ein »Man of Berlin School«, und seine Stücke sind Anfang, Mitte und Ende – Entstehung, Leben und Abschied. Also wie in der Frage nach dem Leben, dem Universum, und dem ganzen Rest. Und da soll auch noch ein vierter Track sein, aber nur für die ersten 42 Bestellungen. Moment, zweiundvierzig? Erwiesenermaßen die „Antwort“ auf diese Frage. Aber immer schön der Reihe nach. Zuallererst: Wer ist eigentlich M.O.B.S.?

Man Of Berlin School ist ein Projekt eines bekannten Künstlers, der eine Leidenschaft für die Elektronik der Berliner Schule hegt und diese schon oft in anderen Projekten umgesetzt hat – in diesem Fall aber möchte der Künstler (vorerst) incognito bleiben, um mit seinem Namen keine Vorerwartungen zu verbinden, sondern die Musik völlig alleine für sich wirken zu lassen” schreibt Kilian Schloemp-Uelhoff von Syngate, dem Label auf dem das Album Mitte April auf CD und als Download erschienen ist, in der Albumbeschreibung. Ich habe noch mal nachgesehen. Da steht Man, nicht Men. Es ist also ein einzelner Künstler. Ein Mann der Berliner Schule.

Wenn ich den Begriff „Berliner Schule“ höre, werde ich kribbelig. Ich verbinde da schöne Erinnerungen mit. Nach dem obligatorischen ersten Kontakt mit der Droge „elektronische Musik“ in Form von Jean Michel Jarres Debut-Album „Oxygene“ – von den „ernsten“ Musikern der Szene gerne als der Hausfrauen-Elektroniker verschmäht – ist es diese ominöse Berliner Schule gewesen, die mich Ende der 1970er Jahre bei der elektronischen Stange hielt. Sie hat meinem Hunger nach neuen Klängen und überraschenden Strukturen reichlich Nahrung gegeben. Die einzelnen Stücke waren ungewöhnlich lang, haben zuweilen die ganze Seite einer Schallplatte gefüllt. (Ok, The Greatful Dead konnten das natürlich auch, aber deren Musik mochte ich damals nicht). Die elektronische Musik der Berliner Schule bot mir damals erfrischende Synthesizer-Klänge, hypnotische Sequenzerlinien und Kilometer breite Klangflächen, in denen man schier endlose Reisen unternehmen konnte. Hach!

Aber das ist schon fast vierzig Jahre her. Was konnte sich von der Musik der Berliner Schule über die Zeit retten? Was ist geblieben, was hat sich neu entwickelt? Um diese Fragen zu beantworten bietet sich »Aus dem Nichts…« von M.O.B.S. als relevantes Beispiel an. Das Album hat alles an Bord, was gebraucht wird um heute Berliner Schule genannt zu werden. Da sind Synthesizer-Klänge. Check! Und durchlaufende Sequenzer. Check! Endlose Tracks, über denen die Sonne untergeht. Check! Da ist auch eine Prise Dilletantismus, die sich gegen die modernen, perfekt durcharrangierten Produktionen auflehnt, die heutzutage steril aus allen Studios quellen und die nichts dem Zufall überlassen. Check! Haben wir alles? Ich denke ja. Machen wir also weiter.

Wenn die hier genannten Punkte den Maßstab für ein Album der Berliner Schule legen, dann ist »Aus dem Nichts…« ein beispielhafter Vertreter dieser Gattung. Und zwar einer, der das Zeug hat in den CD-Regalen aller Berliner-Schule-Fans zu landen. Ob ein Album jedoch ein Klassiker wird oder nicht, entscheidet nicht der Kritiker, sondern immer die Zeit. »Aus dem Nichts…« jedenfalls ragt aus den meisten Produktionen derer, die Berliner Schule in ihrem Familienwappen stehen haben, heraus. M.O.B.S macht hier vieles richtig gut. Alles passt zusammen, klingt wie aus einem Guss. Nichts wird übertrieben (naja, fast nichts) und das Album hat die notwendige technische Perfektion um Ernst genommen zu werden. Bleibt für mich nur noch eine Frage offen: Reicht das?

Wie ich schon sagte. Wenn ich Berliner Schule höre, werde ich kribbelig. Ich verbinde da auch manche Enttäuschung mit. Wenn ich mir die Berliner-Schule-Produktionen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre anhöre, dann höre ich da eine Lust am Neuen und Ungewöhnlichen. Die Musik dieser Zeit inspirierte und motivierte mich. Sie steckt voller Ideen, ist zuweilen auch lausig produziert, aber immer voller Lebensfreude und Ausdruck. Das hat sich anscheinend inzwischen geändert. Die Klänge haben sich zwar in den letzten 40 Jahren entwickelt, aber sie sind nicht mehr neu und ungewöhnlich. Die Sequenzen sind nicht mehr hypnotisierend und ständig in Bewegung, sondern — ja, sagen wir es ruhig laut— überwiegend monoton.

Ich will es mal so umschreiben. Die aktuellen Veröffentlichungen die unter dem Label „Berliner Schule“ laufen, sind wie ein nacherzählter Roman der Weltliteratur. Die Geschichte im Roman wird dabei vielleicht treffend wiedergegeben und man erkennt auch das Werk deutlich wieder. Aber den Charakteren und den Handlungen fehlt es in der Nacherzählung unübersehbar an Details. Und die sprachliche Kunst und Raffinesse, die erst den wirklichen Genuss an einem großen Roman ausmachen, bleiben in der Nacherzählung auf der Strecke.

Ist die heutige Berliner Schule schlechter als damals? Nicht unbedingt. Sie ist anders. Aber sie ist meines Erachtens farbloser als damals, hat weniger Zeichnung. Und es fehlt ihr am Mut zur Improvisation und Experiment. Tja, nun ist es raus. Kreuzigt mich, aber so sehe ich das.

»Aus dem Nichts…« von Man Of Berlin School ist ein Album, das viele Freunde finden wird. Wer sich neu mit der Berliner Schule in der elektronischen Musik auseinandersetzt findet hier einen modernen Vertreter, den es lohnt immer wieder zu hören, und der sich als Referenz zu den aktuellen Produktionen anbietet. Wie ich finde: Zurecht. Es ist ein gutes Album. Aber wenn ich einem Blick zurück auf die Wurzeln der Berliner Schule fallen lasse muss ich feststellen: Da ist noch Luft nach oben.

Und was sagt uns mein Geschreibsel jetzt? Ganz einfach. Zweiundvierzig. Denn die Frage nach dem Leben, dem Universum, und dem ganzen Rest, und seine Antwort können nicht in einem Universum existieren. Ich muss also noch weiter warten. Denn, kommen Frage und Antwort zusammen, stülpt sich das ganze Universum einmal um – und etwas noch Bizzareres entsteht.

Manche sagen, das sei schon geschehen …

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Interview mit MOBS

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